Große Besetzung

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Bloombury, 2012, Titel: 'Große Besetzung', Seiten: 432, Übersetzt: Anke Kreutzer

Couch-Wertung:

55
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Romy Fölck
Bretter, die die Welt bedeuten

Rezension von Romy Fölck Aug 2012

Sie kämpfen um die "Große Besetzung":  Drei junge Schauspieler auf dem Weg ins Haifischbecken der Theater- und Filmbranche. Sie wollen auf die berühmten Bretter, die die Welt bedeuten. Aber werden sie es auch schaffen? Esther Freud, selbst ausgebildete Schauspielerin, schreibt über den großen Traum von drei Schauspielanfängern und über den mühsamen Weg hinauf in den Schauspielolymp - aber auch über das Scheitern.  Dieser Stoff könnte viel hergeben, könnte eine Menge Emotionen beim Lesen freisetzen. Aber leider hat die Autorin das Thema zu grobmaschig umgesetzt und mit einer Fülle an Dialogen zerredet.

Die renommierte London Drama School, die Nell, Charlie und Dan in London besuchen, gilt als eine der Härtesten. Überglücklich nutzen sie ihre Chance auf die große Karriere. So beginnt die Geschichte der drei Talente am ersten Tag auf der Schauspielschule, ein gut gewählter Einstieg. Leider wird im weiteren Verlauf der Geschichte der Schulalltag nur angerissen. Von knallharten Lehrern ist die Rede, aber sie tauchen nur kurz auf, während die privaten Gefühlsduseleien der Schauspielanwärter dominieren. Der Unterricht bleibt im Hintergrund. Gerade ein tieferer Einblick in die knallharte Schauspielausbildung wäre ein interessantes Terrain für diesen Roman gewesen.

Auch können die Figuren selbst, bis auf eine Ausnahme, nicht wirklich fesseln. Die Halbafrikanerin Charlie und der smarte Dan sind – wie man es von Schauspielern natürlich erwartet - schöne und charismatische Menschen, die nur ein Ziel haben: Es mit allen Mitteln ganz nach oben zu schaffen. Aber genau dadurch sind diese Charaktere so mit dem Klischee behaftet, dass ihr Werdegang letztlich vorprogrammiert und fade wirkt. Nur die etwas übergewichtige Nell, die sich zwischen diesen höchst attraktiven Menschen ziemlich unwohl fühlt und immer ein wenig tapsig daher kommt, ist eine wirklich interessante Persönlichkeit und hätte dieses Buch, mit ihrem Weg vom hässlichen Entlein zum Filmstar, vor der Mittelmäßigkeit retten können, wenn die Autorin sie denn zur Hauptfigur erkoren hätte. So wechselt der Roman jedoch gleichmäßig zwischen den Perspektiven von Charlie, Dan und Nell, was leider die Spannung in Grenzen hält.

Nach zwei Jahren brillieren (natürlich) Charlie und Dan mit ihrem Talent – Nell jedoch fliegt, wie viele andere "wenig Begabte", von der Schule. Sie hält sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen unbedeutenden Rollen über Wasser. Trotz ihrem Aus auf der Schauspielschule schafft sie es, sich eine Agentin zu besorgen, die ihr einige Rollen beschafft, in denen sie brilliert - bis hin zu ihrem großen Durchbruch. Wirklich schade, dass die Autorin diese vielversprechende Figur nicht hervorgehoben und ihr Charlie und Dan als Nebenfiguren zur Seite gestellt.

Nells Konfrontation mit einem lüsternen Regisseur und der berühmt-berüchtigten Besetzungscouch, Dans hoffnungsvoller Abstecher in die Filmmetropole Hollywood, Charlies mühsamer Dreh einer Sexszene und die On-Off-Affären mit Schauspielkollegen amüsieren zwar für einen Moment, sind aber wenig originelle Geschichten. Dass der Autorin da nicht mehr eingefallen ist, um diesem Roman eine eigene Nuance zu geben, ist schade. Da hätte Esther Freud gern mehr aus dem Nähkästchen ihrer Schauspielerfahrung plaudern und mit ein paar überraschenden Wendungen aufwarten können. Auch die Dialoge ihrer Protagonisten können nicht überzeugen. Sie sind teilweise so ausschweifend und gehaltlos, dass man gern weiterblättern möchte, um den Roman endlich voranzutreiben.

Esther Freud, die ihren Namen ihrem Urgroßvater Sigmund Freud verdankt und deren Erstlingswerk "Marrakesch" sogleich mit Kate Winselt verfilmt wurde, gilt in Großbritannien als eine der besten Schriftstellerinnen dieser Zeit. Leider gibt sie sich bei "Große Besetzung" mit einem Minimum von dem zufrieden, was aus diesem Stoff herauszuholen gewesen wäre. Vielleicht hätte sie sich einfach mit der schillernden Theaterwelt zufrieden geben und nicht noch die Filmkarte ziehen sollen. "Große Besetzung" bleibt dadurch nur eine leichte, dahinplätschernde Lektüre ohne Flair und Tiefgang.

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