Zurück auf Glück

  • Insel
  • Erschienen: Januar 2012
  • : Insel, 2012, Titel: 'Zurück auf Glück', Seiten: 240, Übersetzt: Regina Rawlinson
Zurück auf Glück
Zurück auf Glück
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Rita Dell'Agnese
50

Belletristik-Couch Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2012

Unglückliche Umsetzung

Unglückliche Umsetzung

Ein Roman mit 618 Kapiteln: Wer sich angesichts dieser Zahl nun einen dicken Wälzer vor Augen führt, irrt. "Zurück auf Glück" kommt trotz der horrenden Kapitelzahl gerade mal auf 209 Seiten. Patricia Marx beschreitet mit ihrem Roman über eine besondere Liebesgeschichte auch besondere Wege. Doch was ein witziges – ja gar aberwitziges – Abenteuer hätte werden können, zeigt sich als eher unglückliche Umsetzung einer gewagten Idee. Die Lektüre gleicht einem Postenlauf durch 618 kurze, manchmal kürzeste und nur aus einem Wort bestehende Kapitel. Zunächst fasziniert die ungewöhnliche Lektüre, etwas später amüsiert die Abschnittchenflut. Allerdings nicht lange. Denn bald schon ermüdet dieser Schreibstil, bis die Sache schließlich eine leicht nervende Komponente bekommt um dann glücklicherweise ein Ende zu finden, bevor die ungewohnte Erzählform in einem deutlich nervtötendem Fiasko versinken kann.

Eigentlich erzählt Patricia Marx die Liebesgeschichte von Imogene Gilfeaher und Wally Yez. Hier gäbe es durchaus reizvolle Komponenten. Imogene ist nicht nur erfolgreich, sie ist vor allem höchst exzentrisch. Wally hingegen wirkt naiv und weltfremd. Dass eine Verbindung dieser beiden nicht ohne Irritationen bleiben kann, versteht sich von selbst. Patricia Marx charakterisiert ihre Protagonisten wunderbar schräg und beweist damit, dass sie durchaus eine Geschichte zu erzählen hätte. Die Geschichte moderner Menschen, denen im Rausch des Erfolgs und auf der Jagd nach immer neuen Höhen eine wesentliche Eigenschaft abhanden gekommen ist: Die Fähigkeit, auf einen anderen Menschen einzugehen und mit ihm eine tiefe Verbindung einzugehen. Hier ist die Stärke von "Zurück auf Glück" auszumachen. Die Geschichte von Imogene und Wally ist von einer gnadenlosen Alltäglichkeit, die trotz allem außergewöhnliche Konturen aufweist.

Untermalt wird das Ganze durch naive Zeichnungen, Tabellen und andere – recht einfach gehaltene – Darstellungen. Sie vermitteln jedoch schon bald den Eindruck, dass sie dazu da sind, einen etwas zu schmalbrüstigen Roman - bezogen auf die Seitenzahl - aufpolieren zu müssen. Einen wirklichen Mehrwert stellen sie ebenso wenig dar, wie einen optischen Anreiz oder eine Bereicherung des Gelesenen. Die Skizzen tragen eher dazu bei, den nervenden Unterton zu verstärken und dem Leser den Eindruck zu vermitteln, eher in einem etwas zusammenhanglosen Gekritzel zu stöbern, als einen Roman zu lesen.

Die Kürzest-Varianten der einzelnen Kapitel sind oft so aneinander gereiht, als wäre die Zusammenstellung durch reinen Zufall entstanden. So erinnert der Roman an ein Gesellschaftsspiel, in dem man Feld für Feld vorrückt – oder eben zurück auf das Startfeld geschickt wird -, je nachdem, wie die Würfel gerade gefallen sind. Es ist mutig von Patricia Marx, diesen Weg zu gehen und etwas Neues zu versuchen. So richtig geglückt ist dieser Versuch allerdings nicht. Aus den einzelnen Sätzen wie auch aus den etwas längeren Abschnitten lässt sich kaum eine literarische Qualität der Autorin herauslesen. Ja, nicht mal ein unterhaltender Charakter oder eine überzeugende Erzählweise können dem Roman und der Autorin ernsthaft zugeschrieben werden. In einer Zeit, in der Individualität und Egozentrik zu den wichtigsten Errungenschaften gehören, dürfte die Machart von "Zurück auf Glück" sehr wohl auf fruchtbaren Boden fallen. Immerhin hebt sich dieser Roman doch deutlich von allen anderen ab. Den Lesern, die eine schöne Sprache, eine subtile Beobachtung oder einen ausgereiften Plot mögen, kann "Zurück auf Glück" nur wenig bieten. Wohl am ehesten noch die Erkenntnis, dass nicht alles, was von der Norm abweicht, auch außergewöhnlich gut sein muss.

"Zurück auf Glück" wird allerdings die Geister scheiden und dürfte durchaus seine Anhänger finden. Ob Patricia Marx jedoch auf dem eingeschlagenen Pfad weitergehen kann, ist fraglich. Verschwindet erst mal das Überraschungsmoment und macht der Langeweile Platz, verliert das Experiment zu viel an Glanz, um das Begehren nach einer Fortsetzung dieser speziellen Erzählform zu wecken.

Zurück auf Glück

Marx. Patricia, Insel

Zurück auf Glück

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