Das Herz ist ein einsamer Jäger

Erschienen: Januar 1950

Bibliographische Angaben

  • Boston: Houghton Mifflin, 1940, Titel: 'The heart is a lonely hunter', Seiten: 356, Originalsprache
  • Berlin: Kantorowicz, 1950, Seiten: 349, Übersetzt: Karl Heinrich
  • Stuttgart; Hamburg: Scherz & Goverts, 1952, Seiten: 410, Übersetzt: Susanna Rademacher
  • Zürich: Diogenes, 1963, Seiten: 446, Übersetzt: Susanna Rademacher
  • Berlin: Volk und Welt, 1968, Seiten: 436, Übersetzt: Susanna Rademacher
  • Zürich: Diogenes, 1974, Seiten: 314, Übersetzt: Susanna Rademacher
  • Zürich: Diogenes, 1996, Seiten: 314, Übersetzt: Susanna Rademacher
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2004, Seiten: 352, Übersetzt: Susanna Rademacher
  • Zürich: Diogenes, 2011, Seiten: 7, Übersetzt: Elke Heidenreich
  • Zürich: Diogenes, 2012, Seiten: 600, Übersetzt: Susanna Rademacher

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Romy Fölck
Die literarische Wucht einer jungen Autorin

Buch-Rezension von Romy Fölck Mai 2012

Einsamkeit zermürbt einen Menschen. Doch es ist nicht immer der Dialog, der ihm Licht im Dunkel verschafft. Manchmal reicht es schon, wenn ein anderer ihn nur anhört. So wird ein Taubstummer zu einer Leitfigur für vier einsame Menschen, im Roman einer jungen Autorin, welche damit einen der amerikanischen Klassiker schuf, die uns bis heute begeistern.

Im Mai 1940 wurde der Debütroman von Carson McCullers verlegt, der sich daraufhin wochenlang in den US-Bestsellerlisten hielt. Aus dem ursprünglichen Titel "The Mute" (Der Stumme) hatte der Verlag der 23-Jährigen "The Heart is a lonely Hunter" gemacht. Ein Titel, der noch heute in aller Munde ist. Zehn Jahre später erschien die deutsche Erstausgabe. 1963 veröffentlichte der Diogenes Verlag erstmals diesen Roman, der nun, abermals übersetzt und überarbeitet, erneut aufgelegt wurde. Ein Kleinod für Fans literarischer Klassiker, aber bei weitem nicht nur für diese!

In einer Kleinstadt tief im amerikanischen Süden, in Georgia, wo die meisten Arbeiter in reichen Baumwollspinnereien malochen, lässt McCullers Ende der dreißiger Jahre vier verschiedene Charaktere zusammen treffen und verknüpft ihre Schicksale über einen Taubstummen, dem sie ihre Sorgen und Probleme anvertrauen. Vier völlig unterschiedliche Menschen in Alter, Rasse und ihrem Lebenstraum: das begabte, träumerische Mädchen Mick Kelly, der ewig wütende Alkoholiker und Kommunist Jake Blount, der einsame schwarze Arzt Dr. Copeland, der sich dem Kampf gegen den Rassismus verschrieben hat und der Cafébesitzer Biff Brannon, welcher sich nach dem Tod seiner Frau in das Mädchen Mick verliebt hat - sie alle finden Trost bei Mr. Singer, einem Taubstummen, der ihnen von den Lippen abliest und ihnen, während ihrer Besuche in seinem Pensionszimmer, Halt und Zuversicht gibt. Das tragische Element des Romans erkennt man viel zu spät: Singer kann sich bei seinen Besuchern von der eigenen seelischen Last nicht befreien. Oft läuft er stundenlang durch die Stadt und ist einsam, wurde doch sein engster Freund und Vertrauter, der Grieche Antonapoulos, in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er Monate später stirbt. Als Singer in seiner Verzweiflung schließlich Selbstmord begeht, bleiben seine vier Besucher erschüttert zurück, kann doch (außer dem Leser) keiner wissen, was ihn zu diesem verzweifelten Schritt trieb.

Carson McCullers, welche Zeit ihres Lebens gesundheitlich sehr angeschlagen war, den Selbstmord ihres Mannes zu verarbeiten hatte und selbst nur fünfzig Jahre alt wurde, hat mit "Das Herz ist ein einsamer Jäger" einen tiefschürfenden Roman über die Menschen, ihre Einsamkeit und die gesellschaftlichen Auswüchse in den Südstaaten geschrieben. Gekonnt verwirkt sie die Schicksale dieser verschiedenen Typen und gruppiert sie um den Taubstummen Mr. Singer, der für sie alle wie ein Symbol der Hoffnung erscheint. Nach und nach legt McCullers auch Singers Gefühlswelt offen und lässt den Leser an der Einsamkeit seines Herzens teilhaben.

Die Mittellosigkeit einer weißen Familie, die ein musikalisch hochbegabtes Mädchen durchlebt, die wütenden revolutionären Ansichten eines eingefleischten Kommunisten und die eines schwarzen Arztes, der einen seiner Söhne sogar Karl Marx nannte, prangern eine Gesellschaft an, die zu jener Zeit insbesondere in den Südstaaten geprägt war von Rassismus, Gewalt, Korruption und Armut. Dass ihnen im Kampf gegen ihr Schicksal ausgerechnet ein Taubstummer Hoffnung gibt, ist ein wunderbarer Kunstgriff der Autorin.

"Für jeden Bissen, den wir essen, für jeden Faden, den wir am Leib haben, quält sich jemand bis aufs Blut – und alle tun so, als wüssten sie´s nicht. Alle sind sie blind, taub und vernagelt – dumm und gemein."

Liest man McCullers, spürt man die Hitze der Südstaaten und erinnert sich sofort an Werke von Tennessee Williams, der wie McCullers bis heute unvergessen ist und mit dem Stück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" ein grandioses Familiendrama in den Südstaaten ansiedelte. Hinter ihm steht das Werk der damals blutjungen McCullers keinesfalls zurück. An ihren melancholischen Ton und die trotz neuer Übersetzung doch an manchen Stellen etwas altbackene Sprache, gewöhnt man sich schnell und spürt, dass dieser Roman bis heute nichts an seiner Wucht verloren hat. Auch wenn die amerikanische Gesellschaft sich längst weiterentwickelt hat, sind die von der Autorin angeprangerten gesellschaftlichen Defizite in ihren Wurzeln noch immer nicht ausgemerzt, weshalb ihr Werk noch lange nicht überholt ist. Einige ihrer großartigen Sätze werden es wohl niemals sein.

"Die einzige Lösung ist, dass die Menschen wissend werden. Wenn sie erst einmal die Wahrheit kennen, kann man sie nicht länger unterdrücken. Wenn nur die Hälfte aller Menschen die Wahrheit kennt, ist der Kampf schon gewonnen."

Das Herz ist ein einsamer Jäger

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