Deutschenkind

  • Hamburg: Argument, 2012, Seiten: 252, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • Oslo: Gyldendal, 1981, Titel: 'Huset med den blinde glassveranda', Seiten: 186, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 1984, Titel: 'Das Haus mit der blinden Glasveranda', Seiten: 186, Übersetzt: Ingrid Sack
Deutschenkind
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Romy Fölck
82

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2012

Der Mut, seinem Schicksal zu trotzen

Wie muss man sich fühlen, wenn man für seine Umwelt Sinnbild eines Krieges ist, den man selbst nicht erlebt hat? Wenn man ein Feindbild abgibt, ohne je Böses getan zu haben? Tora ist die Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten, gezeugt in den Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Norwegen. Allein aus diesem Grund ist sie für viele ihrer Gemeinschaft eine Aussätzige.

"Deutschenkind! Sie hatte das Wort oft gehört. Es lag etwas Schlimmes darin. Ein Urteil."

Die Nachkriegsjahre sind hart auf der Fischerinsel im Norden Norwegens. Jeder hat zu kämpfen: gegen die Härte der Natur, gegen die Armut und gegen die Arbeitslosigkeit. Toras Mutter Ingrid, die "Deutschenschlampe" hat den kriegsversehrten Säufer Henrik geheiratet. Es scheint, als habe sie damit das weniger große Übel gewählt. Sie arbeitet bis zur Erschöpfung in der Fischfabrik, während Henrik im Alkohol und in seinem Selbstmitleid ertrinkt. Aber auch Ingrid leidet an den Folgen des Krieges, ihre melancholische Stimmung nagt zu allem Überdruss zusätzlich an Toras Schuldgefühlen.

Tora ist zurückhaltend und fleißig. Sie geht in die Schule und hilft ihrer Mutter, wo sie kann. Sie möchte nur ein ganz normales Mädchen sein, möchte dieses Stigma des "Deutschenkindes" abstreifen. Als wäre es nicht schon schwierig genug, wenn man vom Kind zur jungen Frau heranwächst, wenn langsam die Brustansätze sichtbar werden, die man am liebsten verbergen würde, wenn sich die erste Regel ankündigt. Muss man auch noch den Hass der Erwachsenen auf sich ziehen? Gibt ihre "beschmutzte" Herkunft ihrem versoffenen Stiefvater das Recht, nachts in ihr Zimmer zu kommen und über sie herzufallen, während ihre Mutter in der Fischverpackungsfabrik schuftet? Tora weiß es nicht. Sie kennt es nicht anders.

Anfangs scheint es, dass Toras Welt nur aus Leiden besteht, dass sie irgendwann an ihrem Schicksal zerbrechen muss. Aber sie tut es nicht. Sie lebt einfach. Sie träumt sich davon, baut sich ein eigenes Weltbild und meistert ihren Alltag, als wäre all diese Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt nicht der Rede wert. Tora wächst vorschnell aus den Kinderschuhen heraus. Sie begehrt auf, wo ihre schwache Mutter versagt. Sie gibt ihr sogar Halt, obwohl sie doch gerade erst elf Jahre alt ist. Nicht zuletzt findet sie Verständnis und Trost bei ihrer lebenslustigen Tante Rakel, die sie unter ihre Fittiche nimmt, und bei dem stummen Jungen Frits, der ein Außenseiter ist wie Tora.

Ariadnes Literaturbibliothek verschreibt sich Büchern, die nicht in Vergessenheit geraten sollen und hat mit der Neuauflage dieses Romans ein hervorragendes Gespür bewiesen.

"Deutschenkind" (bzw. "Das Haus mit der blinden Glasveranda") ist der erste Band der Tora-Trilogie, für die Wassmo 1987 die höchste Auszeichnung des Nordischen Rates erhielt. Es folgten "Der stumme Raum" und "Gefühlloser Himmel". Heute ist Herbjørg Wassmo eine der meistgelesenen Schriftstellerinnern Norwegens, was sie wohl, zumindest teilweise, einer von ihr geschaffenen Figur namens Tora zu verdanken hat.

Herbjørg Wassmo, die zunächst als Lehrerin arbeitete und nur in ihrer Freizeit schrieb, schuf mit Tora eine hochsensible und widerstandsfähige Persönlichkeit, die einen sehr authentischen Einblick in das Norwegen nach dem 2. Weltkrieg ermöglicht. Mit poetischer Kraft und bildreicher Sprache schafft es die Autorin, eine schwierige Epoche durch die Augen eines Kindes zu schildern, ohne anzuklagen. Auch wenn Toras Welt bedrückend ist, eine durchgängig schwere Kost ist das Buch zum Glück nicht. Wassmo vermag den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Toras Bann zu schlagen, was nach dem überraschenden Schluss großes Interesse an der Fortsetzung weckt.

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