Das Wiesenhaus

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 196, Originalsprache

Couch-Wertung:

73
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Romy Fölck
Zwischen Leben und Tod

Buch-Rezension von Romy Fölck Mai 2012

"Bevor ich sterbe, muss ich erzählen." Ein prägnanter Satz. Johannes äußert ihn – immer wieder. Er ist fünfzig und sein Körper ist schwer vom Krebs gezeichnet. Im Krankenbett schreibt er die Geschichte seiner Kindheit nieder; von der kleinen Stadt R. am Rhein, wo er aufwuchs. Und vom Wiesenhaus, wo er offenbar seine glücklichsten Jahre verbrachte.

"Unter wogenden Apfelbaumkronen duckt sich das Haus vor Ausbruch eines Sommergewitters. Der Himmel ist bleiern, ein einzelner Sonnenstrahl erleuchtet Gebäude und Garten. (…) Ein Licht, das auch auf die Großmutter fiel, die Mittagsschlaf hielt, und das ihrem uralten Gesicht ein Antlitz verlieh, als hätte sie ihr Leben noch vor sich."

Johannes jammert nicht, obwohl es kaum Hoffnung für ihn gibt. Mit seinem Tod hat er sich abgefunden. Er träumt sich zurück und schreibt, während ihn seine Familie rührend umsorgt. Er folgt keiner Chronologie. Er erzählt, wie ihm die Geschichten seiner Kindheit im Krankenbett eben einfallen.

Vieles rankt sich um das Wiesenhaus, den familiären Sommersitz, der von Großonkel Lutt dereinst für geheime Stelldicheins errichtet wurde. Dieses Haus birgt viele Erinnerungen und strahlt eine Idylle aus, die mit Johannes´ fortlaufender Erzählung und mit seinem Älterwerden eintrübt. Denn die Risse in der Familie werden erst später sichtbar. Vor allem Onkel Jupp, der große Held seiner Kindheit, ist nicht der Strahlemann, den er und seine Cousins zutiefst verehrten.

Johannes zeichnet seine Kindertage in einer rheinischen Kleinstadt, in der mehrere Generationen eng zusammen lebten, ohne Schnörkel und Sentimentalität. Er erzählt Anekdoten über die tief katholische Großmutter, die Patriarchin der Handwerkerfamilie und über Großonkel Lutt, mit dem er als Kind zusammen im Wiesenhaus lebte und der in seiner Jugend in China in japanische Gefangenschaft geriet und bis zu seinem Tod davon gezeichnet bleibt. Ein Großteil der Geschichten rankt sich jedoch um Onkel Jupp, den Hallodri der Familie, der den Kindern mit Freude Kopfnüssen verteilte, um sie dann wieder zu seinen besten Freunden zu erklären, der sie zu gefährlichen Abenteuern anstiftete, eine Ausrede nach der anderen aus dem Hut zauberte und ganz nebenbei das Familienvermögen verschacherte. Etwas Dunkles hat Jupp an sich, etwas Unheilvolles. Dennoch - oder gerade deshalb – geht eine eigenartige Faszination von ihm aus, die für Johannes erst Jahre später im Erwachsenenalter erlischt.

Glücklicherweise kommt der Protagonist angesichts seiner schweren Krebserkrankung nicht rührselig daher. Ruhig scheint er, gefasst. Die kurzen Berichte über seine Krankheit sind nicht überzeichnet. Schnell kehrt er zurück zur Vergangenheit. Dennoch wäre ein größerer Einblick in Johannes´ Leben in der Gegenwart wünschenswert. So erfährt man nur bruchstückhaft von seinem Erwachsenendasein und natürlich von seinem Leiden, nicht aber, was für ein Mensch aus dem Jungen wurde, dessen Kinderjahre man verfolgt.

Der 1961 geborene Christoph Schmitz, der viele Jahre in Brasilien lebte, arbeitete als Hörfunkjournalist bei der ARD und als Redakteur beim "SPIEGEL", später als Kulturredakteur und Moderator beim Deutschlandfunk. In seinem Debütroman erzählt er abwechslungsreich und empathisch von vergangenen Tagen in der jungen Bundesrepublik. Vor allem vermag er seinen Ton wunderbar den Gedankenbildern seines kindlichen Protagonisten anzupassen. Und so entsteht ein Potpourri an heiteren bis ernsten Geschichten über eine deutsche Familie der 60er und 70er Jahre, bei denen es weniger um politische Genauigkeit, als um eingeschliffene Traditionen geht, die von der jüngeren Generation allmählich durchbrochen werden. Ohne Zweifel ist "Das Wiesenhaus" ein Buch, was gleichermaßen jugendliche wie erwachsene Leser zu fesseln vermag.

Schmitz schließt mit den Worten: "Ich warte. Ich warte." Und so lässt er offen, ob der Krebs über  Johannes siegt. Er entlässt uns mit einem Stück Hoffnung, mit den eigenen Gedanken an die Kindheit und mit dem sommerlichen Duft von gemähtem Gras in der Nase.

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