Große Ferien

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Große Ferien', Seiten: 200, Originalsprache

Couch-Wertung:

90
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Romy Fölck
Ein Sommertag in der Isolation

Buch-Rezension von Romy Fölck Mai 2012

Es gibt Menschen, die sich dem Jäten von Unkraut mit Hingabe und Akribie widmen können. Der Held dieses Buches ist einer von ihnen. An einem Sommermorgen macht sich Schramm über die wilden Pflänzlein her, die in den Ritzen seiner Garageneinfahrt wuchern. Der Lehrer kniet, rupft und sinniert, was zum Desaster in seinem Leben führte.

Dass zwischen Schramm und einem der Abiturienten, dem Eigenbrötler Waidschmidt, etwas Außerordentliches vorgefallen ist, was den Lehrer zur Aufgabe seines Lehramts trieb und den Schüler in die Psychiatrie, erfährt man schnell. Aber was es ist, bleibt bis zuletzt ein Rätsel. Die Autorin schiebt mit wenigen Bemerkungen das Kopfkino an und hält es am Laufen. Geht es um einen sexuellen Übergriff des Lehrers? Oder um eine verbotene homosexuelle Liaison? Gab es bei den häufigen Treffen zwischen den beiden überhaupt einen sexuellen Aspekt? Oder war es ein reines Machtspiel zwischen einem Schüler und seinem Lehrer? Beide sind Außenseiter der Gesellschaft - das schweißt zusammen. Doch was zerriss dieses Band? Schramm ist ganz offensichtlich schockiert. Was ist in der Schule vorgefallen, dass er sich völlig in die Isolation seines Hauses zurückzog?

"Nichts, wie Schramm jetzt wieder denken musste, war zufällig geschehen, alles hatte Waidschmidt mit einem Plan und einer Absicht hingeführt zu diesem einen Punkt."

Waidschmidt ist ein außergewöhnlicher Schüler, hoch intelligent, von seinen Klassenkameraden verspottet und gehasst. Aber er schert sich nicht darum. "Ich trainiere meinen Willen wie einen Muskel", sagt er. Schramm ist fasziniert von ihm und doch immens verwirrt. Waidschmidt sucht immer wieder seine Nähe. Und Schramm kann sich der Anhänglichkeit dieses Jungen nicht erwehren, bis es zu spät ist.

Der Lehrer zupft Unkraut und brütet über sein Leben. Mag man dieses Unkrautjäten anfangs vielleicht als Arbeitseifer eines Ordnungsfanatikers empfinden, scheint es mehr und mehr die verqueren inneren Wucherungen Schramms zu definieren, seine unausgegorenen Gedanken und Zweifel, denen er an diesem Tag in der Garageneinfahrt Struktur zu geben sucht. Es entspinnt sich ein innerer Monolog, der gut durchdacht ist und dennoch immer wieder neue Fragen aufwirft. Denn die Autorin deutet nur an, lässt Schramm ein paar Dinge erzählen, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, und holt, bevor er auf den Punkt kommen könnte, einen neuen Aspekt seiner Selbstzweifel hervor.

Schon immer war Schramm ein Einzelgänger. Akkurat hält er - seit dem Tod der Eltern - Haus und Garten in Schuss. Nur sein Bruder Viktor besucht ihn ab und an und hat sich auch für diesen Abend angekündigt. Dass Viktors Kommen eher ein Pflichtbesuch ist, verwundert nicht. Mehr gibt die Beziehung der Brüder nicht her. Mit Viktor will Schramm über "diese Sache" sprechen, obwohl er sich nicht sicher ist, ob seinen Bruder die Angelegenheit, die ihn so beschäftigt, überhaupt interessiert. Denn dass der selbstgefällige Viktor ebenfalls einen großen Sack Probleme mit sich herumschleppt, wird schnell klar. Beide sind Außenseiter und völlig beziehungsunfähig. Schramm hat mit dem Thema "Frau" schon früh abgeschlossen, sein Bruder tauscht seine Partnerinnen aus, wie er gerade lustig ist.

Schramms Gedanken gehen zu vielen kleinen Geschichten seiner Kindheit zurück, zu seinem narzisstischen Vater und der schwachen Mutter, und sie enthüllen, dass die Selbstentwicklung der gegensätzlichen Söhne stets hinter den Interessen des Vaters zurück stand. Schramms Rückblick fügt sich zunehmend zum Bild einer vom Vater unterdrückten Familie zusammen. Wenigstens findet man darin eine Erklärung für die Zwänge, in der die erwachsenen Söhne noch immer gefangen sind.

Es verwundert anfangs, dass der Suhrkamp-Verlag mit Nina Bußmann und "Große Ferien" erneut einen Lehrerroman veröffentlicht, dem man eine gewisse Ähnlichkeit zu Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe"  nicht absprechen kann. Insbesondere, da Protagonist beider Autorinnen ein eigenbrötlerischer, naturliebender Lehrkörper ist, der letztlich an dem zu engen Kontakt mit einem Schüler verzweifelt. Dennoch muss man beide Romane unabhängig voneinander betrachten. Denn Bußmanns Debütroman "Große Ferien" hat eine ganz eigene Note, die im etwas angestaubten Ton der jungen Autorin liegt, der sich kunstfertig dem Gedankenbild eines pedantischen Endfünfzigers anpasst. Bußmann, die 1980 in Frankfurt am Main geboren wurde und Literaturwissenschaften sowie Philosophie studierte, vermag virtuos einem schwierigen Geist in einem ausgeklügelten Kammerspiel Leben einzuhauchen. So verwundert nicht, dass sie für einen Auszug aus diesem Werk den 3sat-Preis erhielt.

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