Geschichte der Haare

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2012, Seiten: 223, Übersetzt: Christian Hansen
  • Barcelona: Anagrama, 2010, Titel: 'Historia del pelo', Seiten: 193

Couch-Wertung:

50
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Peter Kümmel
Haare als Handlungsfäden, aber ohne roten Faden

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2012

Mit "Geschichte der Haare" liegt nun nach "Geschichte der Tränen" der zweite Teil von Alan Pauls' Historia-Trilogie über die 70er Jahre in deutscher Ausgabe vor. Die kleinformatige Hardcover-Ausgabe zeigt auf dem Titelbild einen Wust von krausen Haaren.

Doch was will uns Alan Pauls mit diesen Haaren sagen? Für den namenlosen Protagonisten seiner Erzählung dreht sich alles um seine Haare. Nie liegen sie so, wie er sich das wirklich wünscht. Nach einem Friseurbesuch vielleicht kurzzeitig, doch nach wenigen Tagen ist wieder alles dahin. Genauso durcheinander wie sein Leben.

Zu Beginn des Buches sitzt der Mann im Friseurstuhl und teilt seine Gedanken mit dem Leser. Dabei werden Episoden aus seiner Vergangenheit eingeflochten. Immer wieder geht es in die Zeit der 1970er Jahre zurück. Die Zeit des Afro-Looks. Die Zeit der Revolution (einer Revolution) in Argentinien. Der Autor macht es seinen Lesern nicht leicht. In endlosen verschachtelten Sätzen, oft ziehen sich diese über mehr als eine Seite, legt er diesen eine wirkliche Aufgabe vor. Hier ist man mit schnellem Drüberlesen hoffnungslos verloren. Um Pauls' Satzkonstrukte vollständig zu begreifen, braucht man volle Konzentration.

Nur wenige Personen werden in der Geschichte vorgestellt. Monti ist einer davon. Ein Freund aus seiner Kindheit, eigentlich der einzige Freund, den er jemals gahabt hat. Doch recht betrachtet ist er niemals ein Freund gewesen, sondern jemand, für den er nützlich gewesen ist.

Und nun hat er niemanden mehr. Nicht mal mehr seinen Hund. Nicht mal mehr seine Frau. Man hat sich mit den Jahren auseinandergelebt. Doch eines Tages gerät der Mann endlich an einen Friseur, der ihn versteht. Der seine Kunst beherrscht und ihm die Haare so schneidet, dass er zufrieden ist. Doch bald ist Celso, der schwule Friseur, der dem Klischee nicht besser entsprechen könnte, wieder verschwunden. Ein Drama. Jetzt, wo er endlich einmal mit seinen Haaren zufrieden sein konnte, wieder alles vorbei?

Alan Pauls dokumentiert mit seinem Roman ein Epoche argentinischer Geschichte. Ebenso wie Martín Caparrós in "Wir haben uns geirrt" arbeitet der Autor eine Zeit auf, die für ihn selber prägend war. Doch anders als Caparrós verpackt er die damaligen Geschehnisse mehr in Worte, aus denen der Leser herausarbeiten muss, was den Autor bewegte. Sehr ungewöhnlich, politische Themen in eine surreale Geschichte über Haare zu verpacken und für mich einfach zu viel Drumherum und zu wenig Fakten. Die Haare werden zu Fäden, an denen die Handlung aufgehängt ist, doch ein wirklicher roter Faden fehlt. Oft ist es nicht einfach, die Haare respektive die Fäden zu entwirren.

Der namenlose Protagonist ist mir bis zum Ende fremd geblieben, was angesichts der Erzählform in der dritten Person vermutlich nicht unbeabsichtigt gewesen ist. "Geschichte der Haare" ist kein einfaches Buch. Es ist ein Roman, auf den man sich einlassen muss, was mir angesichts der Schreibweise von Alan Pauls teilweise sehr schwer gefallen ist. Wenn ich den Roman als Frisur betrachten würde, dann ist das für mich die Frisur eines Jugendlichen, der nicht allzu sehr auf seine Haare achtet. Ein rausgewachsener Schnitt, total verwuschelt, schon lange nicht durchgekämmt, so dass sich schon einige Knoten gebildet haben. Hier muss der Leser erst mal mit dem groben Kamm durchgehen und dann sehr viel Pflege investieren.

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