Aufzeichnungen aus meiner Hütte

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Insel, 2011, Titel: 'Aufzeichnungen aus meiner Hütte', Seiten: 99, Übersetzt: Nicola Liscutin
  • Frankfurt am Main; Leipzig: Insel, 1997, Seiten: 99, Übersetzt: Nicola Liscutin
  • Tokio: Asahi, 1962, Seiten: 35, Übersetzt: Hideo Aoyama & L. H. Schutz

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Carsten Germis
Die Vergeblichkeit des Seins

Buch-Rezension von Carsten Germis Mär 2012

"Unaufhörlich strömt der Fluss dahin, gleichwohl ist sein Wasser nie dasselbe. Schaumblasen tanzen an seichten Stellen, vergehen und bilden sich wieder – von großer Dauer sind sie allemal nicht. Gleichermaßen verhält es sich mit den Menschen und ihren Behausungen." Mit diesen Worten beginnt der buddhistische Mönch Kamo no Choomei seine "Aufzeichnungen aus meiner Hütte". Aufs Jahr genau vor 800 Jahren ist dieser Text geschrieben worden. Der Insel-Verlag hat ihn im Sommer 2011, wenige Monate nach der verheerenden Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan, in einer Neuauflage auf den Markt gebracht. Erdbeben, Tsunami, Taifune – die Erfahrung mit Naturgewalten gehört für Japaner von Kindesbeinen an zu ihrer Lebenserfahrung. In den deutschen Medien ist nach der Katastrophe vom März 2011 der Stoizismus der Japaner immer wieder gewürdigt worden – der, nebenbei bemerkt, im Alltag deutlich weniger stark war. Choomei  zeigt in seiner kleinen Schrift eindrücklich genau diese Flüchtigkeit des menschlichen Lebens angesichts der Kraft der Naturgewalten, aber auch der politischen Wirrnisse seiner Zeit, die Menschen noch tiefer in Not rissen als heute. Und doch: "All diese Geschehnisse lehrten mich, die Mühsal, in dieser Welt zu leben, die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers und der menschlichen Behausungen zu begreifen", schreibt der Mönch.

Die "Aufzeichnungen aus meiner Hütte" gehören zu den bekanntesten, klassischen Texten der japanischen Literatur des Mittelalters – um die europäische Epocheneinteilung der geschichtlichen Epochen auf dieses ostasiatische Land zu übertragen. 1212 hat Kamo no Choomei das Buch geschrieben, das heute in der Literaturwissenschaft als sein Hauptwerk gilt.  Die Eingangspassage, die auch in dieser Besprechung zitiert wurde, gilt als eine der eindrucksvollsten Passagen der japanischen Literatur. Choomei war bereits 50, als er der Welt den Rücken kehrte und sich von allen weltlichen Begierden abwandte, um ein Schüler Buddhas zu werden.  "Als ich hier zu leben begann, dachte ich zunächst, es sei nur für ein Weilchen, doch nun sind schon fünf Jahre vergangen. Meine einstweilige Herberge ist mir mit der Zeit ein liebes Zuhause geworden", schreibt der Mönch. Die Hütte, die doch nur die Vergänglichkeit zeigen sollte, die ihn abgrenzen sollte von den Palästen der nahen Hauptstadt Kyoto, hängt am Ende doch gerade an ihr. Es ist ergreifend zu lesen, wie er mit der Beschreibung seiner Hütte schildert, dass er am Ende doch selbst an der Entsagung weltlichen Besitzes scheitert.

Keine Frage, Choomeis "Aufzeichnungen aus meiner Hütte" sind ein großes Stück alter japanischer Literatur. Dass seine Flucht in die Einsamkeit nicht nur eine Suche nach Buddhas war, zeigt das kluge Nachwort der Übersetzerin Nicola Liskutin. Choomei war ein Sohn der Oberschicht, einer dem die Leitung eines wichtigen Shinto-Schreins, dem gesellschaftliche Achtung und Wohlstand in die Wiege gelegt schienen. Doch Japan war im Mittelalter – nicht anders als Europa – voller Machtkämpfe und Intrigen. Choomeis Familie verlor ihren Einfluss. Choomei war also nicht der Mann, der voller verzückter Erwartung Bürden und Hürden des weltlichen Lebens hinter sich ließ. Er war ein  Mann, der wutentbrannt, zutiefst enttäuscht und in seinem Stolz gekränkt die Tür seiner Hütte zur Welt zuschlug. 

Das Kompliment an Nicola Liscutin bei dieser Ausgabe kann nicht groß genug sein. Sie hat den Text nicht  nur  überzeugend übersetzt. Sie ordnet den Text historisch ein, auch biographisch. Choomei gilt auch deswegen als bedeutender Schriftsteller der Epoche, weil er sich von der höfischen Dichtung zu einem stärker autobiographischeren, einfacheren Schreiben entwickelte. Liscutins Nachwort zu dem Buch nimmt fast die Hälfte der Seiten ein. Und doch sind sie lesenswert, nicht  nur weil sie selbst gut geschrieben sind (was beileibe leider nicht für alle Nachworte literarischer Übersetzungen gilt). Sie ordnet den Text ein, sie erläutert den Kontext – sie erklärt im besten Sinne des Wortes, wie die "Aufzeichnungen aus meiner Hütte" zu lesen sind. Das macht das Buch zu einem lesenswerten Ereignis. Wer schnell ein bisschen fernöstliche Mystik sucht, um überdrüssig dem Alltag im Westen zu entfliehen, dem wird die Lektüre nicht viel bringen. Wer sich für Japan interessiert, wer über die Vergänglichkeit menschlichen Daseins nachdenkt, wer das Scheitern in menschlichen Lebensentwürfen akzeptiert, für den ist diese Ausgabe ein Gewinn, die er so schnell nicht vergessen wird.

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