Porträt eines Dandys

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2009, Titel: 'Den sista cigarretten', Seiten: 440, Originalsprache
  • Zürich; Berlin: Kein & Aber, 2011, Seiten: 543, Übersetzt: Regine Elsässer

Couch-Wertung:

75
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Romy Fölck
Die wilden 80er

Rezension von Romy Fölck Mär 2012

Wer denkt nicht gern an die wilden 80er zurück und drückt eine Träne aus, weil es die besten Jahre waren - oder die buntesten, die verrücktesten, die unkonventionellsten? Oder scheint dies nur so, mit dem Abstand der letzten Jahrzehnte?

Der Schriftsteller Claes wird bei einer Opernübertragung in einem kleinen ländlichen Kino urplötzlich an seine 80er Jahre erinnert. Die zufällige Begegnung mit Madelaine, einer alten Bekannten aus dieser Zeit, löst eine Welle von Flashbacks aus, die jedoch alles andere als angenehm für ihn sind. Schon vor Jahren ist er aus Stockholm weggegangen und hat auf dem Land ein neues Leben begonnen. Doch als Madelaine auftaucht und sich ausgerechnet in seiner Nähe niederlässt, holt ihn seine Vergangenheit ein und hält ihn erneut im Würgegriff. Denn, wie jeder es schon ahnt, Madelaine ist mehr als eine alte Bekannte. Sie ist die Frau, nach der er sich jahrelang verzehrte, auf die er sich jedoch nie einließ, weil er entweder verheiratet war, zu unbeholfen in seinem Werben oder genervt von ihrer überdrehten Art.

Östergren lässt mit gut aufgeladenen Bildern die Zeit der späten 80er Jahre wiederauferstehen. Olof Palme ist ermordet worden, das sozialdemokratische Denken in Schweden ist längst im Umbruch begriffen. Die jungen Intellektuellen sind hungrig nach Macht und Gewinn, spekulieren am Aktienmarkt und handeln mit allem, was zu Geld gemacht werden kann. Auch am Kunstmarkt geht es höchst spekulativ zu, wobei ethische Grenzen verschoben, wenn nicht sogar gänzlich aufgelöst werden. Und Claes, der etwas verstaubt wirkt inmitten dieser aufstrebenden intellektuellen Szenerie, steckt mitten drin, obwohl ihn dieses Yuppie-Gehabe ganz offensichtlich abschreckt. Wenn er könnte, würde er sich zwischen seinen Werken verschanzen, schreiben und die Welt da draußen ausblenden.

Aber durch  Zufall gerät Claes immer wieder hinein ins Getümmel. Alles beginnt mit einer unscheinbaren Kassette. "Bei Madde gemixt" ist darauf gekritzelt. Nach einer Party findet Claes dieses seltsame Band in seiner Anlage. Und kann wochenlang nichts anderes mehr hören, die Musik beherrscht sein Leben. Als er die Kassette verliert, versucht er, sie sich bei Madelaine wiederzubeschaffen. Und trifft bei ihr auf den Lebemann Jörgen. Diese Zufallsbekanntschaft bringt für Claes eine Lawine ins Rollen, die sein schnödes Schriftsteller-Dasein gehörig verändert.

"Das Signal war unübersehbar – hier kam ein Typ, der sowohl weltgewandt als auch lebensmüde war. Das Etikett hatte es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gegeben: ein Dandy."

Östergren schreibt flüssig, mit Witz und Selbstironie. Denn dass Claes sein Alter Ego darstellt, lässt sich kaum übersehen. Er holt sehr weit aus beim Erzählen und manchmal hätte eine leichte Straffung der Geschichte gut getan. Dennoch versteht er es brillant, Gegenwart und Vergangenes ineinanderzuflechten, so dass der Leser gespannt bleibt. Man fühlt mit Claes, durchlebt diese alte Zeit, als wäre sie die eigene Vergangenheit. Ein Hauch von Nostalgie umweht den Text.

Claes ist von Lebemann und Möchtegern-Kunstkenner Jörgen anfangs genervt, der als ein Fan seiner Bücher daherkommt und immer wieder im Leben des Schriftstellers auftaucht. Irgendwann lässt sich Claes auf den "Dandy" ein und bereut diese Nähe alsbald. Denn als Jörgen ihm eröffnet, dass er vorhat, ein äußerst wertvolles Gemälde für einige Millionen zu ersteigern, um es mit grüner Lackfarbe zu übermalen und einer eigenen Installation einzuverleiben, ist Claes zutiefst erschüttert, jedoch bereits in einer Abwärtsspirale gefangen, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Der Plan läuft erst recht aus dem Ruder, als Jörgen bei der Auktion des Bildes überboten wird, woraufhin er beleidigt eine sensationsheischende tabulose Inszenierung plant, die Claes in ein tiefes Dilemma stürzt.

Der 1955 in Stockholm geborene und bereits mehrfach ausgezeichnete Klas Östergren ist in Schweden schon seit den 80er Jahren ein Hitgarant. Mit seinem Roman "Genleman" wurde er 1981 zum Bestsellerautor und konnte mit der 2005 veröffentlichten Fortsetzung "Gangster" an diesen Erfolg anschließen. Er arbeitet darüber hinaus als Drehbuch- und Bühnenautor und ist einer der meistgelesenen schwedischen Schriftsteller.

Mit "Porträt eines Dandys" gelingt ihm ein pfiffiges Selbstporträt, das sich weniger um einen Dandy dreht, wie der Titel fälschlicherweise glauben lässt, sondern vielmehr um einen dem Wandel der Zeit unterworfenen jungen Künstler, der den schillernden Versuchungen der 80er zu widerstehen sucht, sich ihnen jedoch immer wieder ausgeliefert sieht. Dass diese Schablone ebenso gut auf die heutige Zeit passt, in der immense Fehlspekulationen zu einer desaströsen Bankenkrise führten oder Kunstwerke mittlerweile Rekordsummen im dreistelligen Millionenbereich erreichen, ist von Östergren sicherlich beabsichtigt.

Fazit: ein kurzweiliges Lesevergnügen das dazu einlädt, die alten Kassetten der 80er noch einmal hervorzukramen.

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