Der Gärtner von Otschakow

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2012, Seiten: 342, Übersetzt: Sabine Grebing
  • : Folio, 2010, Titel: 'Sadovnik iz Ocakova', Originalsprache

Couch-Wertung:

68
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Romy Fölck
In Uniform vom Schwächling zum Supermann

Buch-Rezension von Romy Fölck Mär 2012

Dass Andrej Kurkow gern selbst surreale Romane liest, bekräftigte er kürzlich auf der Buchmesse in Leipzig, auf der die Literatur der Ukraine in diesem Jahr einen der Programmschwerpunkte darstellte. Der ukrainische Autor, der Fremdsprachen studierte und elf Sprachen spricht, lässt in seinem neuen Roman dieses Faible einfließen und schickt einen jungen Ukrainer im Jahr 2010 mit Hilfe einer alten Milizuniform auf eine Zeitreise in die fünfziger Jahre - in die Zeit des aufstrebenden Kommunismus unter Chruschtschow.

Die Idee der Zeitreise hat Tradition, wurde schon mehrfach literarisch umgesetzt. Um nun diesen recht ausgelatschten Schuh gehörig interessant zu machen, müsste schon richtig Pfiff in eine solche Geschichte gebracht werden. Kurkows Idee, einen jungen Mann der Gegenwart in die Szenerie der kommunistischen Sowjetunion zu schicken, macht jedenfalls neugierig. Doch die Umsetzung ist ihm in seinem neuen Roman nur mäßig gelungen.

Igor, der Held der Geschichte, wirkt blass und phlegmatisch. Der 30-Jährige ist arbeitslos und lebt im Haus seiner Mutter, die ihn bekocht und umsorgt. Man spürt, dass dieses Leben ganz nach seinem Geschmack ist. Arbeitssuche sieht jedenfalls anders aus. Auch ein Gläschen Wodka oder Kognak ist immer zur Hand.

Igors schnöder Alltag wird aufgelockert, als seine Mutter einen  Arbeitssuchenden als Gärtner anstellt. Stepan, 60 Jahre alt, zieht in den Schuppen hinter dem Haus. Hier stellt sich schon einmal die Frage, warum diese Tätigkeiten im Garten nicht ihr Sohn Igor übernimmt, der den ganzen Tag im Haus herumlungert. Aber offensichtlich sind das normale Zustände auf dem ukrainischen Land. Das Muttersöhnchen Igor beobachtet Stepan und entdeckt an seinem Arm eine seltsame Tätowierung, die nur schwer zu entziffern ist. Er lässt die Schrift der Tätowierung von seinem besten Freund Koljan, einem Hacker aus Kiew, entschlüsseln. "Otschakow 1957" lesen sie und "Jefim Tschagins Haus".

Igor und Stepan wollen der Geschichte des Tattoos gemeinsam auf den Grund gehen und reisen kurzerhand ans Schwarze Meer nach Otschakow. Zurück kommen sie mit alten Koffern aus Tschagins Haus, in dem Igor eine alte Milizuniform entdeckt. Und damit nimmt das Abenteuer seinen Lauf. Als Igor eines Abends in die Uniform schlüpft und dazu ein Gläschen Kognak trinkt, findet er sich bald im Otschakow des Jahres 1957 wieder. Ein wenig Hang zum Surrealen braucht man hier, um sich auf diesen seltsamen Übergang zur Parallelwelt einzulassen. Hat man dies getan, wird man dennoch enttäuscht.

Igors Abenteuer im Otschakow des Jahres 1957 wirken zwar etwas lebendiger als sein Leben im Jahr 2010, können aber dennoch in ihrem Konstrukt nicht überzeugen. Alles läuft zu glatt, Igor bewegt sich in dieser anderen Zeit, als wäre es nichts, fünfzig Jahre in der Zeit zurück zu reisen.

In Otschakow trifft Igor auf den lebenden Jefim Tschagin, der eine unausgereifte Randgestalt bleibt, obwohl er allen Erzählungen nach im Jahr 1957 eine der Schlüsselfiguren in Otschakow gewesen war und ohne dessen Existenz diese Zeitreise Igors nie passiert wäre. Seiner Schwärmerei für eine verheiratete Marktfrau wird in den Zeitreisen nach Otschakow weit mehr Raum geschenkt, als Tschagin – dem Aufsässigen, der sogar auf Stepans Tätowierung verewigt wurde.

Befremdlich wirkt auch Igors Auftreten in der anderen Zeit. In der Milizuniform fühlt Igor sich plötzlich männlich und stark. Seine Verwandlung vom faulen Muttersöhnchen zum smarten Draufgänger in Uniform kann jedoch nicht überzeugen. Sehr offensiv umgarnt er 1957 eine rassige Marktfrau, was er sich in seinem normalen Leben wohl nicht trauen würde. Er legt sich sogar mutig mit dem kriminellen Tschagin und seinen Vasallen an - in einer Unverfrorenheit, die ihn mehrfach in Lebensgefahr bringt. Zu Hause im Jahr 2010 streckt er seine Füße wieder verhätschelt unter den Tisch seiner Mutter.

In einem Interview erzählte Kurkow, dass viele junge Leute heute in der Ukraine pessimistisch und schwach sind und sich zu Hause vor dem Leben verstecken. Aber warum solch ein Schwächling in seinem Roman durch das Tragen einer Milizuniform plötzlich zum Supermann avanciert, bleibt schleierhaft.

Diese Zeitreisen, so gefährlich sie für ihn sind, scheinen für Igor fast zum Spaßfaktor zu werden, von denen er geknipste Schwarz-Weiß-Filme mitbringt, um sie in der Gegenwart entwickeln zu lassen. Dass er diese Fotos letztendlich für seinen finanziellen Vorteil nutzt, um weiterhin als "Privatier" zu leben, dürfte niemanden überraschen. Auch die frohe Erwartung, dass die einschneidenden Erlebnisse in Otschakow Igor verändern oder aufrütteln müssten, sein Leben nun beherzt anzupacken, bleibt unerfüllt.

Andrej Kurkow, der mit "Picknick auf dem Eis" eine überaus anrührende Kriminalgeschichte schrieb, bezeichnet sich selbst als ukrainischer Schriftsteller mit russischer Herkunft. Natürlich hat er ein großes Stück seiner Heimat in diese surreale Geschichte gepackt. Dennoch ist der Charme, den russische oder ukrainische Stoffe an sich haben, nur selten zu spüren. Die ukrainische Mentalität wirkt über lange Strecken eher befremdlich. Diese zeigt sich schon am ständigen und übermäßigen Alkoholgenuss der Protagonisten. Die Dialoge wirken oft hölzern und sogar leicht antiquarisch. Letztendlich ist auch die Auflösung der Geschichte so vorhersehbar und banal, dass sich bis zum Schluss keine richtige Spannung einstellt.

Der "Gärtner von Otschakow" mag ein Buch für eingefleischte Kurkow-Liebhaber sein, kann aber weniger den Fans von Zeitreiseromanen empfohlen werden oder jenen, die sich einen ersten Kontakt mit ukrainischer Literatur wünschen. Außer, sie erwarten nicht zu viel.

Der Gärtner von Otschakow

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