Die andere Insel

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Caracas: Oscar Todtmann, 2005, Titel: 'La otra isla', Seiten: 258, Originalsprache
  • Hamburg: Mare, 2011, Seiten: 267, Übersetzt: Hanna Grzimek

Couch-Wertung:

70
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Romy Fölck
Der (Alp-)Traum von der Insel

Buch-Rezension von Romy Fölck Mär 2012

Wie kann man eine Liebeserklärung an sein Land und an seine Mitmenschen formulieren, die vielerorts Aufmerksamkeit findet? Am besten, indem man eine Geschichte schreibt und Land und Leute einen Platz darin finden, mit all ihren Vorzügen und Fehlern. Francisco Suniaga hat diese Idee in die Tat umgesetzt. Er schrieb einen Roman über seine Heimatinsel Margarita und schickte das Manuskript an einen kleinen Verlag in Caracas. Mit Erfolg! Sein Debütroman "Die andere Insel" wurde 2005 völlig unerwartet in Venezuela ein Bestseller.

Die Geschichte ist recht simpel. Die Deutsche Edeltraut Kreutzer steigt in Margarita aus dem Flugzeug, um auf der Karibik-Insel Nachforschungen zum Tod ihres Sohnes Wolfgang anzustellen. Der Deutsche, der mit seiner Freundin Renate nach Margarita auswanderte, um ein Restaurant zu eröffnen, soll im Meer ertrunken sein. Ein Unfall, erklären die Behörden. Der Fall wird schnell zu den Akten gelegt. Aber ein anonymer Brief, der seine Eltern in Deutschland erreicht, berichtet etwas anderes. Danach sollen die Ehefrau und ihr einheimischer Lover Wolfgang Kreutzer umgebracht haben. Die Mutter reist in die Karibik, um Licht ins Dunkel zu bringen. Ein ansässiger Anwalt soll ihr bei den Nachforschungen zum Tod ihres Sohnes helfen.

Einen Krimi sollte hier dennoch niemand erwarten. Auch wenn die Ereignisse sich um den Tod Wolfgang Kreutzers stricken, tritt dieser bald in den Hintergrund. Der Leser wird mehr und mehr abgelenkt von vielen kleinen Randgeschichten, die der Autor über Margarita zu erzählen hat. Auf der einen Seite blendet die Schönheit der karibischen Insel, trägt den Leser die Leichtigkeit der Tage fort, das ewige Lächeln der Inselbewohner und deren Gespräche über die alten Zeiten - auf der anderen Seite jedoch verdrießen ihn die Undurchdringlichkeit der dortigen Bürokratie und die blutigen, von den Einheimischen beliebten Hahnenkämpfe, denen Wolfgang Kreutzer vor seinem Tod verfallen war.

"Er war ein Individuum, das auf einer karibischen Insel lebte, doch daneben existierte noch eine zweite Realität, eine andere Insel, auf der Gewalt ein den Alltag nährender Pflanzensaft war, der verborgen unter der vermeintlichen Gefügigkeit der Natur und der Güte der Menschen dahinströmte."

Bald spannender als die Aufklärung, wie Wolfgang Kreutzer zu Tode kam, ist die Lösung eines kleinen Rätsels, das anfangs mit dem Anwalt Benítez eingeführt wird. Er träumt eines Morgens einen beinahe lyrisch anmutenden Text in englischer Sprache und schreibt diese Zeilen auf. Zusammen mit seinem Freund, einem Psychologen, versucht er diesem eigenartigen Traum auf den Grund zu gehen und herauszufinden, von welchem Autor diese geträumten Zeilen stammen. Eine wunderbare Seitenlinie, die der Autor geschickt in die Geschichte einflicht und die schöne Dialoge nach sich zieht.

Die Sprache Suniagas ist angenehm, obgleich selten ergreifend. Von einem Spannungsbogen kann im Roman nicht wirklich die Rede sein. Wolfgang Kreutzer ist zu wenig sympathisch und noch weniger interessant, als dass die Aufklärung seines Todes vom Leser herbeigefiebert wird. Auch überwiegen im zweiten Teil Kreutzers tagebuchartig verfasste Berichte über die Kampfhahnzucht und deren blutigen Kämpfe, die ihn vor seinem Tod an den Rand der Selbstaufgabe trieben. Für die vor Brutalität strotzenden Aufzeichnungen des Deutschen muss man hartgesotten sein oder sein Interesse für den Hahnenkampf teilen. Sonst hinterlassen diese Passagen des Buches schnell ein beklemmendes Gefühl.

Fancisco Suniaga, der 1954 auf Margerita geboren wurde, ist Professor für Politologie und Internationale Beziehungen, schrieb Kolumnen für Tageszeitungen und weitere Erzählungen. Er lebte einige Zeit in Frankfurt am Main, wo er am Goethe-Institut lehrte. Dass er Deutschland und die Deutschen gut kennt, wird man immer wieder schmunzelnd zur Kenntnis nehmen. Seine Idee, die hiesige Mentalität der Schlampigkeit der dortigen Behörden gegenüberzustellen ist wirklich charmant.

So gegensätzlich die Insel vom Autor beschrieben wird, so gespalten schlägt man letztlich auch seinen Roman zu. Er vermag den Leser anfangs vergnügt fortzutragen und ein karibisches Flair zu vermitteln, bis er bald übermäßig dem Hahnenkampf frönt und die Lesefreude eher in Verdruss umschlägt. So wird auch die Auflösung des Todesfalles Kreutzer letztendlich zur Nebensache.

Wer weder einen spannenden Krimi, noch eine leichte Urlaubslektüre sucht, dafür aber interessiert ist am Leben in der Karibik und hartgesotten genug für die Brutalität des Hahnenkampfes, dem sei dieser unkonventionelle Einblick auf die Insel Margarita ans Herz gelegt. Denn was Menschen über ihr Land erzählen, sollte man sich anhören – oder lesen.

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