Der aufrechte Mann

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Roma: Fandango, 2010, Titel: 'L´uomo verticale', Seiten: 396, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012, Seiten: 477, Übersetzt: Barbara Linner

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Birgit Borloni
Bedrückend, düster und faszinierend - ein starker Roman

Buch-Rezension von Birgit Borloni Mär 2012

Davide Longo siedelt seinen Roman "Der aufrechte Mann" im Italien einer nicht allzu fernen Zukunft an. Das Bild das er von dieser Zukunft zeichnet ist allerdings alles andere als rosig oder optimistisch. Ganz im Gegenteil, das Szenario ist äußerst bedrückend: Die Grenzen sind geschlossen, es kommt keiner mehr hinaus; Lebensmittel, Benzin und Medikamente werden knapp; Dörfer, ja ganze Landstriche sind verwaist; auf den Straßen trifft man auf abgebrannte Autowracks, Rudel von wilden Hunden, marodierenden Banden und die eine oder andere Leiche; weder das Militär noch die Nationalgarde werden der Situation Herr; kurz gesagt: Die Gesellschaft ist am Ende.

Inmitten dieses Chaos lebt der ehemalige Universitätsprofessor und Schriftstelle Leonardo zurückgezogen in einem kleinen Dorf im Piemont. Vor acht Jahren kostete ihn die Affäre mit einer jungen Studentin die Karriere und die Familie. Seitdem hat er Frau und Tochter nicht wiedergesehen. Er hat sich in seinem alten Haus und seinem neuen Leben einigermaßen eingerichtet, besitzt eine große Bibliothek und verbringt einen Großteil seiner Zeit mit den Büchern und ihren Geschichten, in denen er sich verlieren kann. Doch die Wirklichkeit macht auch vor seinem Leben nicht halt.

In diesem Endzeitszenario, das der Roman heraufbeschwört, zeigt sich, dass extreme Situationen in den meisten Menschen das Schlechteste und in den wenigsten das Beste zutage fördern. Die versprengten Gruppen, die über das Land ziehen, stellen eine Gefahr für Leib und Leben dar und so wird munter geraubt, getötet, vergewaltigt und abgebrannt. Manchmal aus der Not heraus, meistens aus Habgier, Zügellosigkeit oder purer Freude an Gewalt. Hemmungen und moralische Grenzen sind niedergerissen und nachdem auch Recht und Gesetz nicht mehr durchgesetzt werden können, gibt es kein Halten mehr.

Davide Longo zeigt dem Leser unerbittlich auf, wie grausam und rücksichtslos die Menschheit sein kann, wenn man sie nur lässt, dass Zivilisation nur ein dünner Deckmantel über den niedersten Instinkten ist. Beim Lesen fragt man sich unwillkürlich, ob es wohl wirklich so weit kommen würde, wenn die Gesellschaft, die wir kennen, zerbrechen würde. Die Tatsache, dass man das nicht verneinen kann, macht Angst. 

Erzählt wird das Ganze in einer sehr klaren, deutlichen Sprache, die auch nicht davor zurückschreckt, Unschönes oder Grausames klar herauszustreichen. Für zartbeseitete Leser ist das Buch daher nicht geeignet. Im Gegensatz zu dieser nüchternen Sprache gibt es immer wieder  wunderschöne, fast poetische Sätze, die bezaubern und berühren und das Lesen zu einem Genuss machen.

Als einziges Manko sei angemerkt, dass es zu Wiederholungen kommt. Die Beschreibungen der verlassenen Häusern, der Zerstörungen und der Landschaften sowie der Ablauf in einer Bande, die Leonardo und seine Tochter sowie deren Stiefbruder entführt haben, ähneln sich und bringen wenig Neues. Manchmal hätte eine etwas straffere Erzählweise dem Roman gut getan, ohne dass er dadurch an Eindringlichkeit verloren hätte.

Doch trotz dieses Minuspünktchens bleibt er ein lesenswerter Roman, der eine erschreckende Zukunft aufzeigt, gerade deshalb erschreckend, weil sie nicht komplett unmöglich erscheint. Wer sich auf das Szenario einlässt, den wird die Geschichte so schnell nicht mehr loslassen und auch nach dem Lesen noch nachhallen.

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Letzte Kommentare:
21.11.2014 08:37:50
schmechi

Longo schildert ein Italien nach dem Zerfall: Die staatliche Ordnung ist zusammengebrochen, die Grenzen sind dicht, es herrscht Mangel und Gewalt. In dieser nicht allzu fernen Zukunft sucht der ehemalige Universitätsprofessor Leonardo seinen Platz und erlebt die Verrohung der Menschen und die Reduktion auf das Essentielle...

Longo gelingt es, den Leser in eine apokalyptische Atmosphäre zu versetzen, seine Analyse der menschlichen Entwicklung in Krisenzeiten ist glaubhaft, die geschilderten Eskalationsstufen nachvollziehbar. Longos Werk ist letzlich eine schlüssige Warnung, dass Sicherheit und Konsum nicht auf ewig garantiert sind.

"Der aufrechte Mann" braucht den Vergleich mit McCarthys "Die Straße" nicht zu scheuen, Longos Roman ist meines Erachtens sogar weitaus stimmiger.

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