Die Glücksparade

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2012
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012, Seiten: 224, Originalsprache
Die Glücksparade
Die Glücksparade
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Rita Dell'Agnese
78

Belletristik-Couch Rezension vonMär 2012

Wenn Mythos dem Verstehen Platz machen muss

Wo ist die Grenze zwischen einem unkonventionellen Vater und einem Versager? Für den 15-jährigen Simon stellt sich diese Frage, als er mit seinen Eltern auf den Campingplatz zieht, wo der Vater die Stelle eines Platzwartes übernommen hat. Mitten in den Prozess des Erwachsen-werdens hinein bekommt das Bild der Eltern durch diesen klaren sozialen Abstieg zusätzlich Schlagseite. Die gewöhnungsbedürftigen Wohnverhältnisse im engen Container, die undefinierbaren Gefühle, mit denen sich die Eltern begegnen und das Gefühl, immer stärker zum Außenseiter zu werden, setzen Simon zu. Der pubertierende Junge entdeckt seine Gefühle für die um einige Jahre ältere Lisa – obwohl sich scheinbar auch sein Vater für die junge Frau interessiert. So verliert Simons Vater vor seinem Sohn nicht nur an Glaubwürdigkeit, er wird auch zur unmittelbaren Konkurrenz.

Das Bild, das Widmann vom Campingplatz und dem neuen Wohnsitz der Familie zeichnet, ist düster und mit einer schmuddeligen Note behaftet. Dieser Eindruck kann sich von den ersten, nasskalten Tagen auf dem Platz bis zur letzten im Buch beschriebenen Szene halten. Geschickt lüftet der Autor einen möglichen, beschönigenden Schleier und konfrontiert die Leser mit dem ganz gewöhnlichen Alltag auf einem Campingplatz. Kleinbürgerliche Atmosphäre und ein  Sammelsurium persönlicher menschlicher Schicksale vermischen sich zu einem raubeinigen Charme, der jedoch weniger zauberhaft denn erdrückend wirkt.

Der zentrale Punkt des Romans ist jedoch nicht die Frage, welche Persönlichkeiten hier aufeinander treffen. Andreas Martin Wiedmann hat ganz klar den jungen Simon in den Mittelpunkt gerückt und lässt die Leser das Geschehen durch dessen Augen erleben. Tragendes Element ist die Entmystifizierung der Eltern, vor allem aber des Vaters. Der 15-Jährige sieht sich unvermittelt mit der Frage konfrontiert, ob sein Vater tatsächlich ein unverbesserlicher Lebenskünstler ist oder ganz einfach ein Versager, dessen Weg immer steiler nach unten führt. Je mehr Simon seinen Vater durchschaut, desto stärker wird das Gefühl des Jungen, in einer tristen Abwärtsspirale gefangen zu sein.

Andreas Martin Widmann greift in seinem Roman eine ganze Fülle von Themen auf, die jedes für sich zu einer eigenen Geschichte ausgebaut werden könnte. Hier drin liegt auch der Schwachpunkt des Romans. Vieles wird kurz gestreift, bleibt dann aber als Halbfertiges stecken, während das Geschehen bereits zum nächsten Themenbereich weitergetrudelt ist. Dadurch verliert die Erzählung etwas an Tempo wird wirkt stellenweise recht zähflüssig. Das allerdings auf einem recht hohen Niveau.

"Die Glücksparade" ist ein Roman, der auch Jugendliche ansprechen könnte, sich aber im Grunde an die Erwachsenen richtet – wohl auch ein Plädoyer für einen sensibleren Umgang mit den heranwachsenden Kindern. Simon leidet darunter, dass sein Vater nicht die starke Persönlichkeit ist, die sich der Junge wünschen würde. Noch viel stärker leidet er aber unter dem hartnäckigen Ignorieren seines Vaters, dass Simon ihn längst durchschaut hat. Der Junge fühlt sich von seinen Eltern nicht ernst genommen, sieht keine Perspektiven mehr und gerät in eine verhängnisvolle Spirale, die ihn nach unten führt. Das kann Andreas Martin Widmann auf eine eingängige und vor allem glaubwürdige Weise vermitteln. Der kompromisslose Umgang mit dem Alltag gehört zu den Stärken des Romans. Der Autor beschönigt nichts – verzichtet aber auch weitgehend auf eine sich hoch schraubende Dramatik.

Es wird ein Roman vorgelegt, der es schafft, die Leser in eine von altem Pommes-Öl riechende, leicht klebrige und von kaltem Neonlicht erleuchtete Situation zu versetzen und trotz der lähmenden Perspektivenlosigkeit eine Art Heimatgefühl zu schaffen. Der Verzicht auf eine eigentliche Heldenfigur tut der Geschichte dabei ebenso gut, wie die leisen, fast liebevollen Töne, die immer wieder eingestreut wurden.

Die Glücksparade

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