Wolga, Wolga

  • Schöffling
  • Erschienen: Januar 2011
  • Zagreb: Naklada Ljevak, 2009, Titel: 'Volga, Volga', Seiten: 336, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Schöffling, 2011, Seiten: 328, Übersetzt: Brigitte Döbert
Wolga, Wolga
Wolga, Wolga
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Romy Fölck
88

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2012

In lockerem Ton bedrückend erzählt

"Ich heiße Dželal Pljevljak", ist der erste Satz des Buches. Man wird ihn fortan immer wieder lesen. Als müsse der Held sich selbst daran erinnern, dass er noch weiß, wer er ist, dass er nicht wahnsinnig geworden ist – nach all dem, was er in seiner Vergangenheit erlebte.

Dželal arbeitet seit fünfunddreißig Jahren als Zivilist bei der jugoslawischen Armee. Nach dem schmerzlichen Verlust seiner Familie sucht er Trost im islamischen Glauben. Jeden Freitag fährt er mit seinem Wolga von Split nach Livno in Bosnien-Herzegowina, um in einer Moschee zu beten. Seine tiefe Einsamkeit und die Erinnerungen an vergangene Tage, zum Beispiel an General Karamujić, von dem er den schwarzen Wolga kaufte, bevor der sich eine Kugel in den Kopf jagte, begleiten Dželal auf seinen Reisen.

Miljenko Jergović beschreibt nicht nur Dželals wöchentliche Fahrten zur Moschee, sondern nimmt den Leser in teils sehr ausschweifenden Geschichten mit auf eine Reise in die Vergangenheit, in das kriegsgebeutelte Jugoslawien der Ustascha-Zeit sowie in das nach dem Sieg der Partisanen herrschende kommunistische Regime der späten sechziger und siebziger Jahre, in dem Bespitzelung und Verrat auf der Tagesordnung standen.

In vielen verwinkelten Rückblenden erzählt der Autor, fast im Plauderton, über Dželals Leben im Kommunismus, zeichnet einen einsamen aber sympathischen Helden, dessen Leben langsam auf eine Katastrophe zurast, ohne dass der Leser dies wahrhaben will. Denn Katastrophen gab es in Dželals Leben, wie man rückblickend erfährt, schon mehr als genug.

Es scheint eine typische Geschichte im Alltag des kommunistischen Jugoslawien zu sein: als Dželal nach langem unerfüllten Kinderwunsch mit seiner Frau bei der Armee um seine Versetzung in eine größere Stadt bittet, um dort medizinische Hilfe zu bekommen, wird ihm dies verwehrt. Seine nachhaltige Bitte um Versetzung bei einer übergeordneten Stelle verschwindet nach langem Schweigen des Adressaten irgendwann in dessen Papierkorb, da ihn das Los des Bittenden nicht schert. Es ist ein Schicksal, wie es Tausende gab in einer Zeit, die von Lügen, Schönmalerei und strenger Reglementierung geprägt war.

Als beide die Hoffnung beinahe aufgegeben haben, wird Dželals Frau wie durch ein Wunder schwanger. Ihr Glück scheint perfekt. Nach der Geburt ist die kleine Maja ihr Sonnenschein, auch wenn sie schwach und kränklich ist. Aber sie ist den Kindern ihres Alters geistig weit voraus, was Dželal jedem stolz auf die Nase bindet. Hinter dem Rücken seiner Frau stellt er seine Tochter ein Jahr zu früh bei einem Einstellungstest für die Grundschule vor und Maja wird tatsächlich eingeschult.

Der erste große Schicksalsschlag widerfährt Dželal, als Maja bei einem Schulausflug spurlos verschwindet und trotz wochenlanger Suche von den Suchtrupps nicht gefunden wird. Von diesem Unglück gezeichnet, bricht Dželals Frau innerlich zusammen und nimmt sich schließlich selbst grausam das Leben. Sie lässt einen einsamen Mann zurück, dem nur sein Glaube und die Fahrten zur Moschee am Leben festhalten.

Auf seiner wöchentlichen Fahrt zur Moschee nach Livno lernt Dželal nach einer Autopanne eine muslimische Familie kennen, die ihn herzlich aufnimmt und ihm bei seinen folgenden Besuchen mehr als nur Trost spendet. Familie Fatumić wird seine neue Familie, die ihm ein Stück Liebe zurück gibt, die er längst verloren glaubte. Dass mit der Bekanntschaft dieser Familie jedoch sein Leben eine noch tragischere Wende nehmen soll, ahnt er nicht, bis es schließlich zu spät ist. 

 

"Ich danke Gott für zwei Menschen, die ich kennen lernen durfte. Sie haben mich verändert. Der eine hat mich vor dem Wahnsinn bewahrt, ist allerdings am Ende selbst wahnsinnig geworden und hat sich umgebracht. Der andere lehrte mich, dass mir niemand näher steht als ein Bruder im Glauben, denn jeder Vogel fliegt mit seinem Schwarm, auch der, der so tut als hätte er keinen."

 

Miljenko Jergović lebt heute als Schriftsteller und politischer Kolumnist in Zagreb. Sein Erzählton ist locker und manchmal sogar amüsant, trotz der Geschichten, die erschreckend lebensnah die Schwere der politischen Ausuferungen im ehemaligen Jugoslawien aufzeigen.

Die wechselnden Erzählperspektiven sind methodisch und unterstreichen die Dreiteilung des Romans. Verwirrend sind dagegen die komplizierten jugoslawischen Namen, die den Lesefluss etwas hemmen. Oft schweift Jergović beim Erzählen ab, scheint manchmal den Faden zu verlieren, bevor er zum Punkt kommt, was jedoch am Ende der Lektüre als ausgeklügelter Schachzug offenbar wird.

Denn erst kurz vor Schluss fügen sich die erzählten Geschichten zusammen, wird aus Lüge Wahrheit und aus Hoffnung tragische Gewissheit. Dann schwant dem Leser, dass es kein Happy End geben wird. Dass der Held, der so viel Schreckliches in seinem Leben ertragen musste, nicht als  Sieger hervorgeht. Sondern, dass diese Geschichte so nah an der Realität geschrieben wurde, dass nur ein Verlierer zurückbleiben kann. Wie so oft die einfachen Menschen die Verlierer waren in der Geschichte dieses zerrissenen Landes.

Wolga, Wolga

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