Der Traumkicker

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Santiago de Chile: Alfaguara, 2006, Titel: 'El fantasista', Originalsprache
  • Berlin: Insel, 2012, Seiten: 207, Übersetzt: Svenja Becker

Couch-Wertung:

80
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Peter Kümmel
Der Traumkicker

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jan 2012

Rivalitäten zwischen spanischen oder lateinamerikanischen Dörfern kennt man nicht erst seit dem fiktiven Wettstreit zwischen Villariba und Villabajo Ende des 20. Jahrhunderts. Bei Letelier heißen die verfeindeten Orte Coya Sur und Coya Norte (bzw. nach der Umbenennung María Elena). Und außer im Paellapfannen-Schrubben rivalisieren diese Dörfer in so ziemlich allem, bei dem man gegeneinander antreten kann, egal ob Sängerwettstreit oder die Krönung der Frühlingskönigin. Der Höhepunkt jedoch sind die Fußballspiele zwischen den Dörfern.

Die Handlung des Buches - ohne, dass es klar präzisiert wird, siedle ich sie in den 1960er Jahren an - ist recht schnell erzählt: Coya Sur ist eine kleine Siedlung an einer Salpetermine in der chilenischen Atacama-Wüste. Die Mine ist ausgebeutet und wird geschlossen. Dies ist gleichzeitig auch das Ende der Siedlung. Für die Menschen des Ortes fast gleichbedeutend mit dem Ende der Welt. Nun steht das letzte Fußballspiel gegen María Elena an. Und nach vielen schmachvollen Niederlagen will man es den Rivalen nun noch einmal zeigen. 

Da erscheint der Fußballartist, der eines Tages zusammen mit einer hübschen weiblichen Begleitung auftaucht und auf der staubigen Straße des Ortes eine Show bietet, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, fast wie der Messias. Nun muss man es dem "Traumkicker" nur noch schmackhaft machen, bis zum kommenden Sonntag im Dorf zu bleiben, um im Fußballmatch anzutreten. Doch dies ist alles andere als ein leichtes Unterfangen 

Jeder Bewohner scheint zur Geschichte beizutragen

Liebe Patienten - um es mit den Worten des Stadionsprechers Cachimoco Farfán, einem verhinderten Mediziner, zu sagen - Leteliers "Traumtänzer" zeigt anschaulich, wie das Leben in einer kleinen chilenischen Arbeitersiedlung aussieht mit all seinen Diarrhöen und Obstipationen. Ebenso wie der Sportreporter in seinen Reportagen nimmt der chilenische Autor kein Blatt vor den Mund. Letelier stammt selber aus dem Milieu, das er hier beschreibt und weiß demzufolge, wovon er schreibt.

Der Traumkicker ist eine Milieustudie ohne allzu packenden Inhalt. Wie geht man miteinander um, wenn man weiß, dass ein Lebensabschnitt endet und man wieder praktisch neu beginnen muss? Was tut man gegen fehlende Perspektiven? Verdrängung ist für eine gewisse Zeit ein gutes Mittel gegen die Last des Alltags. So fokussiert man sein Leben auf einen Punkt - das Fußballspiel gegen die verhassten Staubfresser, wie man die Bewohner des Nachbardorfes nennt. Diesem Großereignis haben sich vorläufig alle anderen Probleme unterzuordnen.

Den Zeitraum von einer Woche schildert der Autor auf 200 Seiten. Mit seiner lebendigen Erzählweise widmet er sich einzelnen Personen, beschreibt kleine nebensächliche Begebenheiten. Jeder Bewohner des Dorfes scheint zur Geschichte beizutragen, wird namentlich erwähnt trotz minimaler Auftritte.

Die Intermezzi der Farfánschen Reportage-Ausschnitte, die die einzelnen Kapitel voneinander trennen, dreiseitige mit zweckentfremdeten medizinischen Fachbegriffen gespickte Kettensätze ohne Luftholen lockern die Geschichte zwischendurch auf, auch wenn diese bei mir ab dem zweiten Mal nicht mehr sonderlich originell wirken.

Leteliers nüchterne Erzählung lebt von ihrer Atmosphäre. Sozialkritische Töne schwingen dabei allenfalls im Kopf des Lesers mit, ohne konkret angesprochen zu werden. Ob der erwähnte Traumkicker jedoch wirklich der Messias für Coya Sur werden kann, möchte ich hier offen lassen. Ganz sicher aber ist er das Symbol für die Hoffnungen der Einwohner.

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