Sand

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Rowohlt, 2011, Seiten: 474, Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2012, Seiten: 11, Übersetzt: Stefan Kaminsky

Couch-Wertung:

83
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Britta Höhne
Abgekartetes Spiel in der Wüste

Buch-Rezension von Britta Höhne Dez 2011

Ein Mann wird gejagt. Gefoltert. Weg gesperrt. Mit einer kurzen Kette am Hals in einem Morast angebunden. Der Mann, er heißt Carl – oder auch anders, weil er an Gedächtnisschwund leidet – übersteht die Hölle und wird, nachdem er sich befreit hat, doch noch getötet. Ein nicht Beteiligter übernimmt den Mord. Er schießt ihm mit einem Gewehr zwischen die Augen. Ein sinnloser Tod, zumal Autor Wolfgang Herrndorf schon geplant hatte, die Geschichte vor dem tödlichen Finale abzuschließen.

Ein Protagonist leidet nur so lange, wie sein Erschaffer - der Autor  - es will. Herrndorf wollte. Er wollte Carl leiden sehen, wollte ihn quälen, hätte es ihn fast schaffen lassen, in einem Ansturm unglaublicher Gewalt. Aber letztendlich trifft ihn die Kugel. Nicht die eines der Verfolger, sondern die Kugel eines eigentlich Unbeteiligten. Obwohl, wer in Wolfgang Herrndorfs neuem Roman "Sand" unbeteiligt ist, ist fraglich. Und genau das macht den Roman aus, neben der Sprache, die, jeder Gewalt trotzend, einfach nur schön und abwechslungsreich ist.

Die Geschichte ist skurril. Sehr sogar. Sie spielt in der Sahara, im Jahr 1972. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet. Der vermeintliche Mörder, Amadou Amadou, einundzwanzig oder zweiundzwanzig, ein schlaksiger junger Mann, der inmitten seiner Großfamilie lebt, wird verhaftet. Dann verliert sich seine Spur und Carl und Helen tauchen auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Carl spricht Helen, eine weiße Amerikanerin, angeblich Vertreterin für einen Kosmetikkonzern an, nachdem er bereits einem Killer-Kommando entkommen ist. Helen nimmt sich seiner an und Carl ahnt nicht einmal, dass die hübsche, blonde Amerikanerin zu der Truppe gehört, die Carl weder den Gedächtnisschwund noch die Geschichte glaubt.

So weit so gut. "Sand" ist spannend. Hört auch nicht auf spannend zu sein. Bis zur Mitte des Romans etwa, als Carl sich in immer neue Geschichten verheddert. Unglaubliche Geschichten. Nicht aushaltbar eigentlich. Carl hält aus. Viel mehr noch. Entkommt seinen Peinigern, Helen, den Auftraggebern, allen, bis ein einsamer, gequälter Mann aus der Wüste in ihm die Lichter ausknipst. Mehr nicht.

Die Fantasie eines Wolfgang Herrndorf ist fantastisch. Er vermittelt glaubhaft. Lässt Charaktere kommen und gehen, wie er in seinem zuvor erschienenen Roman "Tschick" bewiesen hat. Aber "Sand" ist etwas viel. Etwas viel Geschichte und Unglück und etwas viel Schreiberling, der sich inmitten des Geschehens zu Worte meldet und doch nichts unternimmt:

"Mit einigen harmonischen Akkorden könnte man das Buch also ausklingen lassen. Ein kurzes Landschaftspanorama vielleicht noch, ein Kameraschwenk über den gezackten Schattenrisss des Kangeeri-Gebirges vor abendlicher Dämmerung..."

Und aus. Aber es ist nicht aus. Herrndorf spinnt weiter. Findet keinen Absprung. Mehrfach nicht und das ist schade. Die Geschichte ist toll und das der 1965 geborene Autor wirklich ein Meister der Sprache und auch der Ironie ist, muss er nicht mehr beweisen. Sprache schließlich ist als Ex-Titanic-Zeichner in Wort und Bild sein Metier: Aber manchmal ist viel viel. Zu viel vielleicht, aber dennoch sehr zu empfehlen. Schon der kleinen, feinen Titanic-Macher Ironie wegen:

"Chaid verlor den Stift an Driss, weil er gewettet hatte, dass Hitler Franzose sei. Driss kannte kein größeres Verlangen, als einmal ein nacktes Mädchen beim Pinkeln zu sehen. Und so kam der Stift zu Hossam, der eine Schwester hatte."

Aber, das ist auch alles egal, weil der Stift, der irgendwelche Kapseln zum Inhalt hat oder hatte, irgendwann genauso der Vergangenheit angehört, wie die wunderbar beschriebenen Polizisten, die meinten, mit dem Fall vertraut zu sein und auch Carl und Helen waren nur kleine Lichter in einem großen Plot.

Großartig erzählt, spannend, verwirrend, irritierend – nur manchmal einfach zu viel. 

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