Der Schmerz der Engel

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Bjartur, 2009, Titel: 'Harmur Englanna', Seiten: 316, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2011, Seiten: 342, Übersetzt: Karl-Ludwig Wetzig

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98
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Romy Fölck
Meisterwerk isländischer Gegenwartsliteratur

Buch-Rezension von Romy Fölck Dez 2011

Der isländische Schriftsteller Jón Kalman Steffánson versteht es wie kein Zweiter, den ewigen Kampf des Menschen, gegen die übermächtige Natur, mitreißend wie einen Abenteuerroman und dennoch wenig pathetisch und mit poetischem Feingefühl zu erzählen.

Wie schon in seinem Vorgänger "Himmel und Hölle" ist wieder der Junge, dem der Autor keinen Namen gibt, Mittelpunkt des Geschehens. Er hat den tiefen Verlust seiner Eltern und seines besten Freundes noch immer nicht verwunden.

"Manchmal glaube ich, der Mensch ist zum Unglücklichsein verdammt."

In einem Wirtshaus findet der Junge langsam ein neues Zuhause, wo er die Aufgabe bekommt, abends dem blinden Kapitän Kolbeinn, der Wirtin Geirprúdur und den Gästen aus Shakespeares Werken vorzulesen. Er entdeckt die Kraft der Worte und findet einen Zugang zur Poesie, die seinen Schmerz allmählich zu lindern scheint und seinem Leben einen neuen Sinn gibt, während vor der Tür schwere Schneestürme toben und das Eismeer aufpeitscht.

"Es fallen Engelstränen, sagen die Indianer im Norden Kanadas, wenn es schneit. Hier schneit es viel, und die Traurigkeit des Himmels ist schön, sie ist eine Decke, die den Boden vor Frost schützt und den dunklen Winter erhellt, doch sie kann auch kalt und unbarmherzig sein."

Eines Abends trifft der Postbote Jens mit letzter Kraft, festgefroren auf seinem Pferd, am Wirtshaus ein. Der wortkarge Hüne ist im Winter für viele Einwohner der abgelegenen Höfe die einzige Verbindung zur Außenwelt. Schon oft ist er dem Tod in letzter Sekunde entkommen, wenn er eisige Fjorde oder verschneite Hochplateaus im wütenden Schneesturm zu überwinden hatte. Wie ein Großteil der Isländer kann er seine Gefühle nicht offenlegen, Worte sind für ihn unnützer Ballast. Dass ihm für seinen nächsten gefährlichen Auftrag, der fast übermenschlich scheint, ausgerechnet der Junge zur Seite gestellt wird, der mehr redet als Jens lieb ist, nimmt der Postbote stillschweigend zur Kenntnis. Es ist ein ungleiches Paar, was sich alsbald mit den schweren Postsäcken dem Schneesturm entgegenstemmt.

"Natürlich rückt die Nacht näher, natürlich rückt der Tod näher, dieses unsichtbare Wesen, das immer gegenwärtig und am Werk ist, das nichts liegen lässt und Erschöpfung, Kälte, Hoffnungslosigkeit und Resignation vorausschickt, vier brutale Hunde, die im undurchdringlichsten Sturm noch alles Lebendige aufspüren."

Doch diese beschwerliche Reise schmiedet die beiden zusammen, sie wärmen ihre eiskalten Körper und teilen sich den kargen Proviant. Zaghaft entsteht ein Freundschaftsband zwischen dem stillen Mann und dem Jungen, welches dem Sturm und oft sogar dem Tod trotzt. Der Junge versteht es, Jens aufzutauen und ihm Worte, wenn nicht sogar Gefühle zu entlocken. Man erfährt von Jens´ Zögern, der Frau, der sein Herz gehört, seine Liebe zu gestehen aus Furcht, sie irgendwann zu enttäuschen; er erzählt von seiner behinderten Schwester und dem altersschwachen Vater, die wochenlang um seine Rückkehr bangen, wenn er in die winterliche Einöde zieht, um die Post zuzustellen.

Tief im Gebirge erscheint dem Jungen plötzlich eine tote Frau, "ihr dunkles Haar weht ihr vor das Gesicht mit harten Zügen, tote Augen durchbohren seine Stirn und dringen in sein Denken ein." Sie lockt die beiden im Schneesturm zu einem abgelegenen Hof am Eismeer. Dort übernehmen sie auf Bitte des Bauern den Leichnam der Toten, um ihn in geheiligte Erde zu überführen und sind bald dem Tod näher als dem Leben.

Jón Kalmann Stefánsson erzählt in "Der Schmerz der Engel" von Liebe und von Tod, von Schmerz, Verlust und Zusammenhalt im ewigen Überlebenskampf - und von Büchern, die für Menschen in der Kargheit ihres Lebens wichtiger sind, als das Leben. Er zeichnet vorsichtig die harten Schicksale der Menschen vor über hundert Jahren, webt sie geschickt in einen abenteuerlichen Überlebenskampf zweier Menschen ein, und säumt die Geschichte mit einem Hauch von Poesie.

Man ist mittendrin im Wintersturm, scheint eisige Finger zu haben, wenn man die Seiten umschlägt: so fesselnd beschreibt Jón Kalman Stefánsson die Reise von Jens und dem Jungen. Wie klein der Mensch war, ist und immer sein wird, wenn die Natur aufbegehrt, ist sicherlich einer von Stefánnsons Fingerzeigen. Und ebenso, dass es in jeder dunklen Stunde Hoffnung gibt, immer dann, wenn Worte aufsteigen, wenn Poesie die Herzen der Menschen berührt und sie vereint.

"Es gibt Bücher, die dich unterhalten, dich aber nicht wirklich im Innersten bewegen. Und dann gibt es Bücher, die dich zweifeln machen, sie geben dir Hoffnung, sie erweitern die Welt und machen dich mit Abgründen bekannt. Auf diese Bücher kommt es an."

Der zweite Roman der Trilogie um den Jungen endet so abrupt, dass man im ersten Moment das Buch enttäuscht zuschlagen möchte. Doch plötzlich beginnt es nachzuklingen. Das Tempo der letzten Seiten macht dem warmen Gefühl Platz, dass man gerade eines dieser seltenen Bücher gelesen hat, eines dieser Meisterwerke der Gegenwartsliteratur. Und dass sich das Warten auf die Fortsetzung mehr als lohnen wird.

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