Neue Mitte

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Ed. Nautilus, 2011, Seiten: 254, Originalsprache

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Eduard Hoffmann
Möglichkeiten einer Übergangszeit

Buch-Rezension von Eduard Hoffmann Nov 2011

Berlin im Winter 2029/30. Seit vier Jahren hat Deutschland eine Übergangsregierung unter internationaler Führung. Davor hatte ein knappes Jahrzehnt lang (2016-2025) eine Militärjunta mit ihrem diktatorischen Regime das Land geknechtet und konnte nur durch den Einmarsch der "Alliierten" gestürzt werden. Auf dem alten Regierungsgelände, einer Ruinenlandschaft, die seit dem Ende der Junta eine Art Niemandsland ist, hat sich inzwischen ein buntes Häuflein unangepasster und intelligenter Zeitgenossen niedergelassen: Handwerker, Computerspezialisten, Anarchisten, Künstler und Wissenschaftler – die meisten Widerständler unter dem Folterregime der Junta. Die "Neue Mitte" floriert mit neuen Büros und Betrieben, mit Kneipen und Restaurants, und mit zahlreichen Privatwohnungen. Dabei ist der rechtliche Status der Besiedlung des ehemaligen Machtzentrums noch ungeklärt.

Schimmangs Fabulierkunst und literarischer Spiellust zu folgen ist eine wahre Freude. Nicht nur, dass er uns im neuen Roman geschickt in die Zukunft katapultiert, um dann aber mit zahlreichen Versatzstücken immer wieder auf unsere jüngste historische Vergangenheit und Gegenwart zu verweisen. Sondern der Autor spinnt ein phantasievolles Netz von spannenden Geschichten. Darin tauchen auch gleich mehrfach wieder Figuren aus früheren Romanen und Erzählungen auf, so etwa Gregor Korff, die Hauptperson aus Schimmangs letztem Erzählwerk Das Beste, was wir hatten, die jetzt als Buchautor und potentieller Vater eine wichtige Rolle spielt. Zudem gibt es jede Menge Sahnehäubchen für Bücherfreunde und Literaturkenner. 

Im Zentrum steht der besondere Lebens- vielleicht auch Sehnsuchtsort: die Neue Mitte, "beinahe ein exterritorialer Raum", in dem ein "Zustand der schönen Schwebe" herrscht. Wo die Bewohner oder Instandsetzer "in einer Gemeinschaft leben, in der zugleich der persönliche Rhythmus eines jeden Einzelnen zwanglos seinen Platz findet". So jedenfalls formuliert es der weise und von allen Bewohnern des Terrains respektierte und anerkannte Paul Ritz, als er in einem Vortrag auf die Besonderheit der Lebenssituation in der Enklave aufmerksam macht, aber auch auf ihre Vergänglichkeit. Utopien von den Alt68ern bis zu den Hausbesetzern der 80er Jahre lassen grüßen! Der 87jährige Ritz, früher Unternehmensberater, hegt und pflegt jetzt als Gärtner die Anlagen des historischen Geländes im Kern der Hauptstadt. Bis zum Sturz der Militärjunta im Jahr 2025 hatte sich hier der abgeschottete Regierungssitz des Unrechtsregimes befunden.

Dorthin kommt im Winter 2029 Ulrich Anders. Diesen Namen sollte in frühen Entwürfen auch Robert Musils Protagonist in Der Mann ohne Eigenschaften haben. Kein Zufall, denn auch in Schimmangs Neue Mitte spielt Möglichkeitssinn, Kreativität und Phantasie, die nicht nur dem Diktat von Funktionalität und Ökonomisierbarkeit unterliegen, eine Rolle.

Kai Sander, ein alter Freund aus Berliner Studienzeiten, hatte Anders gerufen. Zusammen mit Sander soll er in der "Neuen Mitte" eine Bibliothek aufbauen. Von der Junta aus der Universitätsbibliothek verbannt, kam Kai Sander in einem Kleinverlag unter und schloss sich den Widerständlern an. Ulrich Anders brach sein Studium der Germanistik und Philosophie ab und verließ Berlin, als die Militärs 2016 geputscht hatten. Weitab vom Zentrum der Macht machte er im beschaulichen Aachen eine klassische Kaufmannsausbildung, im alteingesessenen Handelshaus Del’Haye & Münzenberg. Anders ist kein zupackender Macher-Typ, eher ein beobachtender Flaneur, zögerlich und schüchtern, einer, der sich gerne treiben lässt. Die Aufbruchstimmung, die "schöne (Lebens-)Schwebe" der "Neuen Mitte", wie es Ritz nennt, weckt Wohlbehagen. Anders bleibt auf der "Insel der Seeligen". Mit Sander und Frodo, einem klugen jungen Anarchisten, baut er die Bibliothek auf, verliebt sich, wird enttäuscht und macht sich auf Spurensuche nach seinem Vater, den weder er noch die Mutter wirklich gekannt haben.   

Die andauernde Bedrohung der neuen Demokratie durch bewaffnete Anhänger des gestürzten Militärregimes wird schließlich von der Internationalen Befriedungskommission abgewehrt, nicht zuletzt durch eine neue Wunderwaffe. Es finden Wahlen statt, und in der Hauptstadt inklusive des alternativen Lebensbiotops Neue Mitte hält schnell wieder der altbekannte Alltag Einzug. Für Schimmangs Protagonisten Ulrich Anders Grund genug, sich weiter treiben zu lassen und neue Herausforderungen anzunehmen.

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