Die Liebeshandlung

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011, Seiten: 621, Übersetzt: Uli Aumüller & Grete Osterwald

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Britta Höhne
Adjektiv als Lebensziel

Buch-Rezension von Britta Höhne Nov 2011

Die Romane von Jeffrey Eugenides sind mehr als nur einfache Geschichten. Sie sind Sammelsurien des Wissens. Wenngleich auch nur im Anriss. Sie sind literarisch exzellent, sie sind voller Themen, allein um dessen Idee, sie in einen Roman einzubauen, ein jeder vor Eugenides den Hut ziehen sollte. Auch sein neuestes Werk Die Liebeshandlung (im Original The Marriage Plot), lässt so manchen Leser erblassen und verstehen, warum der Autor nach "Middlesex" sieben Jahre gebraucht hat, um wieder eine "große" Geschichte zu Papier zu bringen.

Der Plot gleicht fast einer klassischen Tragödie: Mitchell liebt Madeleine, Madeleine liebt Leonard. Leonard offensichtlich ein wenig Madeleine. Mitchell geht am Ende leer aus. Sicher, klassisch ist die Tragödie nicht, zumal sie in den 80er Jahren spielt. Aber sie ist eine. Eine voller Liebeswucht, Liebesfrust und der Erkenntnis, dass eine alte Liebe vielleicht mehr Bewunderung als wirkliche Zuneigung ist. Die Liebeshandlung ist eine Dreiecksgeschichte, bei der genau genommen die Dekonstruktion der Liebe im Mittelpunkt steht.

Madeleine studiert - und schreibt zum Abschluss ihrer Collegezeit - eine Arbeit über die "Liebeshandlung" viktorianischer Romane, dem "Marriage Plot". In einem Seminar, in dem unter anderem Roland Barthes thematisiert wird, sitzt Leonard. Introvertiert, extrovertiert, redend, schweigend, klug, dumm, stark, verletzt: Alles in einer Person. Madeleine verliebt sich in den jungen, verwegenen Mann und ihre Odyssee beginnt. Eine Reise durchs Gehirn eines manisch-depressiven Menschen, den sie im Laufe des über 600 Seiten langen Romans heiratet.

Während die beiden ihren Weg, der voller Stolpersteine liegt, gehen, zieht es Mitchell hinaus in die Welt. Mitchell ist ein kluger Kopf, ein wacher Geist – ohne Ziel. So reist er mit seinem Freund Larry durch Europa, um schließlich für Mutter Teresa im indischen Kalkutta zu arbeiten. Auf seinem Weg dorthin wird er religiös. Studiert das Buch der Bücher, befasst sich mit Kirche und Religion und überwindet, indem er alte kranke Männer badet, ganz eigene, besondere Hindernisse. Zurück in den Staaten trifft er nach Monaten auf Madeleine. Die geheiratet hat, und das, obwohl Mitchell sie längst als seine Frau sah. 

Wer in Die Liebeshandlung einsteigt, findet sich zunächst in einer Auflistung von Literaten wieder: Barthes, Blake, Austen, Derrida, Eco, Walser, Lévi-Strauss, Handke, van Vechten, Fielding, Dickens, Thackeray und, und, und. Sofort möchte man aussteigen, sagen: "Okay, ich bin nicht belesen genug für diesen Roman". Aber, Eugenides spielt. Er verpackt seine Geschichte, die im Grunde nur drei Personen umfasst, mit Wortgewalt und vielen Informationen und Wissen. 

Und eben das macht Eugenides aus. Schon bei Middlesex reichte es ihm nicht, nur vage, am Rande auf Themen hinzuweisen. Der Autor wollte sie fundiert, wissenschaftlich abgesichert. So wie bei der Liebeshandlung, als Leonard eine wissenschaftliche Stelle antritt und beginnt, über Hefekulturen zu forschen. Eugenides wirft diploide und haploide Zellen in den Raum, sinniert über deren mutationsbereitschaft, erklärt nicht viel dazu – aber alles stimmt. Und das fasziniert. Wann sonst bekommt der Leser die Gelegenheit, sich mit Hefekulturen auseinander zu setzen?

Dabei scheint Eugenides, trotz der eigentlich schwermütigen Geschichte, oft mit einem Lachen bei der Arbeit zu sein. Humor ist ihm wichtig und er bringt auch diesen klug zum Vorschein.  Dann etwa, als sich ein paar Studenten darüber unterhalten, welches Adjektiv sie gerne wären. "Es ist mein Lebensziel, zu einem Adjektiv zu werden", verkündet Leonard vorlaut, dessen Nachname Bankhead ist. "Man würde herumgehen und sagen: Das war ganz schön bankheadisch." Besser sei das zumindest, meint Madeleine, als bankheadesk, wie kafkaesk halt. Einfach ein "sch" anzuhängen sei hingegen langweilig: Joyceanisch, sheakspearisch, faulknerianisch. "Wer will schon einfach sch sein?"

Sicher, Szenen wie diese sind besonders, ebenso solche über Religion und das Leben innerhalb der Familie. An manchen Stellen plätschert der Roman auch einfach vor sich hin. Leonards Depression steht oft im Vordergrund und drängt so viele andere Anekdoten an den Rand. Außer die große Reise Mitchells. Erst ist er in Europa unterwegs, reist dann nach Indien, wie Eugenides in jungen Jahren selbst, wo er Erstaunliches erfährt: Über sich, Religionen und über das Land. Eugenides selbst sagt, es sei der schwierigste Teil des Romans gewesen. Schwer zu glauben, bei der Leichtigkeit, mit der der amerikanische Autor seine Leser an die Hand nimmt und den indischen Subkontinent bereist. Zum Teil auf dem Dach eines Busses sitzend.  

Wenngleich der Pulitzerpreisträger Jeffrey Eugenides viele Themen in seinem Roman vereint, sind es doch immer wieder die verschiedenen Arten der Liebe und des Verrücktseins, die die Geschichte zusammen halten. Eugenides springt in den Zeiten, überlässt den Protagonisten das Spielfeld allein, schildert aus drei Perspektiven, um schließlich Madeleine, Mitchell und Leonard in einer Szene wieder zusammen zu führen. Eine kluge Idee, interessant zu lesen, manchmal überstrapaziert, mit einem Ende, das sich im Nichts auflöst – und im Ganzen - nicht so stark wie Middlesex

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