Emily, allein

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

87
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Wolfgang Franßen
Leben und Sterben in Piitsburgh

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Nov 2011

So sieht der Ruhestand aus. Die Unbesorgten haben im zurückliegenden Arbeitsleben so viel Geld angespart oder in die Rentenkasse eingezahlt, dass sie finanziell abgesichert, ihren Lebenstandart beibehalten können.  Wer das Glück hat, dass seine Familie nicht vollkommen zerrüttet ist, bekommt Besuch von Kindern und Enkelkinder und zumeist ist ein Teil des Ehepaares bereits verstorben, während der oder die Überlebende sich mit dem Verlust arrangiert. Die Ruheständler der Jetztzeit waren noch keine Alleinerziehenden und haben sich durch Jahrzehnte verbriefter Partnerschaft gekämpft. Wer zudem kein Ekel ist, versteht sich mit den Nachbarn und besitzt eine Handvoll Freunde, die es zu pflegen gilt und deren Marotten sie sich gegenseitig verzeihen.

So ein Leben hinterlässt Spuren. Wer weiß das besser als Stewart O’Nan, dem fabelhaften Chronisten der Umbrüche, der in Romanen wie "Halloween", "Engel im Schnee", "Eine gute Ehefrau" und "Abschied von Chautauqua" - schon hier tritt die Familie Maxwell auf - immer wieder bewiesen hat, dass er den "alltäglichen Leuten" eine Stimme verleiht. Selbst den Gebrochenen, scheinbar Ausgestoßenen wie in "Speed Queen". Er beschreibt, wie sie aufstehen, wie sie Essen kochen, wie sie zum nächsten Supermarkt fahren oder wie sie in dem meisterhaften Roman "Letzte Nacht" die verbliebenen Stunden als Angestellte eines Diners verbringen. Es geht stets um Hoffnungen, die aufgebraucht scheinen, um Neuanfänge.

Auch in "Emily, allein" lässt der Autor ein Leben für sich selbst sprechen. Wenn Emily Maxwell wie jeden Morgen von Arlene abgeholt wird, damit sie gemeinsam zum Supermarkt fahren, spiegelt sich in der Fahrt die Routine des Alters wieder. Sie leben nach festen Zeiten, auf die sie sich verlassen können, vertrauen darauf, dass Arlene im Gegensatz zu Emily sich das Fahren zutraut, und legen nicht selten ein kurzes Mittagessen im Lieblingsrestaurant ein. Der Einkauf wird mit Hilfe ausgeschnittener Rabattmarken getätigt, bei den Gesprächen, sich auf das verlassen, was ohnehin jeden Tag zwischen ihnen ausgetauscht wird. Selbst die Ermahnung, nicht zu rauchen, oder die gegenseitigen Hilfsangebote für einander da zu sein, sich unter die Arme zu greifen unterliegen einem festen Rhythmus. 

Wenn Alterspartnerin Arlene dann plötzlich umfällt und ins Krankenhaus muss, bricht das bewährte Kartenhaus zusammen. Der Alltag scheitert allein schon daran, dass Emily plötzlich fahren muss, obwohl sie sich das seit Jahren nicht mehr zutraut. Hier zeigt sich O’Nans Liebe zu seinen Figuren. Er ist nicht der Dostojewski der Verzweiflung, er lockt seine Helden gerne aus ihren Reserven. Emily muss miterleben, dass sie ja noch fahren kann, dass es womöglich an dem Ungetüm des Wagens ihres Mannes lag, dass sie sich das nicht mehr zugetraut hat. Das Leben ist nie zu Ende, scheint O’Nan uns sagen zu wollen. Selbst wenn es so aussieht, als sei es das längst. Das Leben setzt sich aus dem Leben der anderen und aus dem eigenen zusammen. Über das eigene können wir frei verfügen.

Auch wenn Emilys Tochter eine ehemalige Alkoholikerin ist, der Umgang in der Familie nicht gerade einfach ist. O’Nan beschreibt in seinem neuen Roman nicht wie Anna Gavalda in "Zusammen ist man weniger allein" das Alter als abstrus, als witzigen Zufall, sondern als einen Zieleinlauf, der über Jahrzehnte geplant wurde, sich jedoch, nachdem das Band gerissen ist und Ruhe eintritt, als etwas herausstellt, dass sich ganz anders anfühlt. Voll stillem Aufruhr.

Dies vermag nur ein Autor, der wie Balzac genau hinzuhören, hinzusehen versteht und sich die Zeit nimmt, es aufzuzeichnen, um es in Literatur zu verwandeln. Stewart O’Nan ist ein Erzähler, der die Damen des Mittelstandes, die den Verzicht zur Tugend erhoben haben, nicht über ihr verpfuschtes Leben zetern lässt. Sorgen gehören nun mal dazu. Aber nicht das Drama, die Tragödie.

Der Autor ist der Chronist des ständigen Abschieds. Sei es von der Familie, der Arbeit, der Freiheit oder wie in diesem fein gesponnen Roman vom Leben selbst. Während andere Lebensabende in der Literatur weitaus erregender daherkommen, unbedingt alles Versäumte aufholen wollen, sei es durch eine letzte Liebe, eine weite Reise, einer Rückkehr zu den Wurzeln, besteht Emilys letzter Gang, darin, ihr Leben zu bewahren.

Ihr und ihrem Hund Rufus dabei zuzusehen, ihr zuhören zu dürfen, verdanken wir Stewart O’Nan. Einem Schriftsteller, der seine Figuren nie alleine lässt.

 

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