Morgenstund hat Gift im Mund

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Viking, 1973, Titel: 'The portable Dorothy Parker', Seiten: 610, Originalsprache
  • Zürich: Kein & Aber, 2011, Seiten: 206, Übersetzt: Pieke Biermann & Ursula Maria Mössner

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Romy Fölck
Brillanz und Scharfzüngigkeit

Buch-Rezension von Romy Fölck Okt 2011

Die scharfsinnige und höchst spöttische New Yorker Kurzgeschichten-Queen ist zurück! Dorothy "Dottie” Parker war in den zwanziger und dreißiger Jahren in New York eine Berühmtheit, ihre Gedichte und Kurzgeschichten zählten zu den bedeutendsten ihrer Zeit. Nachdem einige Jahre nichts von Dorothy Parker auf dem deutschen Markt lieferbar war, veröffentlicht Kein & Aber nun erneut ihre "New Yorker Geschichten”, die bis heute nichts von ihrer Brillanz und Scharfzüngigkeit verloren haben.

Was gibt das Tagebuch einer New Yorker Lady preis? Wie kann man sich in der Ehe vornehm miteinander zu Tode langweilen? Was hat das Schäfchenzählen mit französischen Dichtern zu tun? Wie erträgt man eine Hausdame, die in Aussehen und Benehmen an ein Pferd erinnert? Und was tut die frustrierte Frau eines Lieutnant der US-Army, um ihrer Eifersucht beizukommen, die sich nicht gegen eine andere Frau, sondern gegen den Beruf ihres Mannes richtet? Dorothy Parker brilliert in jeder ihrer New Yorker Geschichten, sympathisch, sarkastisch, sprachgeschickt. Typisch Dottie Parker eben.

Jede ihrer New Yorker Geschichten in diesem handtaschengerechten Büchlein sollte man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. Denn jede einzelne ist wie ein kleine Perle, die man beim Lesen vorsichtig auf einen Faden zieht.

Die Monologe der Jet-Set-Dame in Das Tagebuch einer New Yorker Lady triefen vor Langeweile, Oberflächlichkeit und naiver Ignoranz. Ihre Lady schert sich in den "Tagen des Schreckens, der Verzweiflung und Weltveränderung” jedenfalls mehr darum, welcher der "göttlichen jungen Herren”, mit ihr zur nächsten Theaterpremiere gehen könnte und ob sie besser das "Rote aus Spitze oder das mit der Feder in Rosé” anziehen sollte. "Mir ist ein Nagel komplett abgebrochen,” jammert die Protagonistin. "Das ist ausgesprochen das Schlimmste, was mir je im Leben passiert ist.” Dorothy Parkers Persiflage ist erstklassig, auch wenn sie aus einer Zeit stammt, die man heute nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Dass diese Kurzgeschichte dennoch nah am Puls der Zeit ist, erkennt man schnell. Denn beim Lesen kommt alsbald die Frage auf: Wie hätte eine Dorothy Parker wohl auf die vier New Yorker Ladies aus "Sex and the City” reagiert? Hätte sie die vier Lebedamen ähnlich ihrer New Yorker Lady mit ihrem Hohngelächter überzogen und deren oberflächliche Single-Problemchen in den Zeiten der Wirtschaftskrise, des Terrors und der Hungersnot in Afrika ebenso hämisch kommentiert? Ganz sicher! 

Zu Schade gibt Einblick in eine Ehe der höheren Gesellschaft, die vor lauter Eintönigkeit, Desinteresse und konventionellem Pflichtgefühl nur Kopfschütteln verursacht, bis man sich letztendlich fragt, ob die Ehen von heute wirklich ganz anders verlaufen, wenn Mann und Frau im Alltag ebenso gleichgültig nebeneinander vegetieren wie dieses sich überdrüssig gewordene Ehepaar.

In Morgenstund hat Gift im Mund spottet eine von Schlafproblemen geplagte Dame über Schriftsteller und Dichter, weil sie Schafe nicht leiden mag.

 

Vielleicht könnte ich mir mit der Nachttischlampe elegant die Schläfe einschlagen. Ich könnte in aller Seelenruhe eine Liste mit wunderschönen Zitaten der dichtesten Denker rauf- und runtersagen; falls mir eins von diesen verdammten Dingern einfällt.

 

Dorothy Parker in Hochform.

So kleide die Nackten - eines ihrer Meisterwerke - wird von der Autorin anfangs in so zwanglosem Ton erzählt, so dass man gutgelaunt weiter blättert, jedoch Seite für Seite bedrückter wird beim Fortgang der Geschichte um die schwarze Wäscherin Big Lannie und deren blinden Enkelsohn Raymond; eine liebevoll erzählte gesellschaftliche Anprangerung diskriminierender Verhältnisse, die anhand eines abgetragenen Anzugs meisterlich in Szene gesetzt wird.

Auch alle folgenden Kurzgeschichten - zum Beispiel Pferdchen, die teilweise ziemlich skurril daherkommt und in der man sich für die lästernde Dorothy Parker fast fremd schämt, oder Der herrliche Urlaub, die Leidensgeschichte einer mit dem Beruf ihres Mannes konkurrierenden Ehefrau, deren Einsamkeit fast körperlich spürbar ist - machen die Lektüre Häppchen für Häppchen zu etwas besonderem.

Dorothy Parker, 1893 in New Jersey als Dorothy Rothschild geboren, hat nie einen Roman vollendet, weshalb sie wohl diesseits des Atlantik nie so bekannt wurde. Sie schrieb überaus erfolgreich Gedichte, Kurzgeschichten, Theater- und Literaturkritiken und war eine Romantikerin und Feministin, deren Herz vor allem für gesellschaftlich Diskriminierte schlug. Sie war unter den Gründungsmitgliedern des berühmten literarischen Zirkels im Algonquin Hotel, der unter dem Titel Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis (Mrs. Parker and the Vicious Circle) verfilmt wurde. Lange litt sie unter ihrer Alkoholsucht und Depressionen und starb 1967 einsam in einem New Yorker Hotel an einem Herzinfarkt.

Ihr Kampf gegen Ungerechtigkeit, Antisemitismus, Rassismus und ihr Liebäugeln mit dem Sozialismus brachte sie in U-Haft und auf die schwarze Liste in Hollywood. Es scherte sie nicht. Dorothy Parker nahm nie ein Blatt vor den Mund. Was für ein Glück! 

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Letzte Kommentare:
06.02.2012 12:48:39
tedesca

Wie schade, dass ich mit Kurzgeschichten nichts anfangen kann. Jetzt, wo ich das Büchlein noch einmal durchblättere, muss ich sagen, dass ich mich doch immer wieder bei der einen oder anderen Stelle recht gut amüsiere. Dorothy Parker ist eine gute Beobachterin mit einer spitzen Zunge, das muss man ihr lassen.

In der ersten Geschichte geht es um den Tagesablauf einer New Yorker Dame der Gesellschaft, man fragt sich, woher sie die Energie für dieses Leben nimmt, das so aktiv und doch so eintönig ist. Mit der feinen Pinzette zerlegt die Autorin jeden Abend, und unter ihrem Mikroskop betrachtet, nimmt jedes Fitzelchen monströse Ausmaße an.

In diesem Stil sind alle 10 Geschichten geschrieben, am Schluss bleibt man immer etwas betroffen zurück.

Aber wie gesagt, ich bin kein Fan von Kurzgeschichten, ich plage mich ganz furchtbar damit, verliere schnell die Konzentration und auch das Interesse, blättere bei jeder vor bis zum Schluss, damit ich weiß, wie viele Seiten es noch sind. An mich sind diese Geschichten also im Grunde verschwendet, aber für Freunde der kurzen Erzählung mit Biss ist dieses Buch ein absoluter Tipp!