Der Hals der Giraffe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: DAV, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Dagmar Manzel

Couch-Wertung:

88
Wertung wird geladen
Romy Fölck
Außergewöhnlicher Roman, der bildet, ohne zu belehren.

Buch-Rezension von Romy Fölck Okt 2011

Dieses Buch ist laut Untertitel ein Bildungsroman und beginnt mit der Überschrift Naturhaushalte. Soweit so gut. 

"Setzen" ist das erste Wort von Inge Lohmark und man scheint sofort den kreidelastigen autoritären Geist des Klassenzimmers zu spüren, in dem diese Frau unterrichtet. "Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung," erfährt der Leser gleich auf Seite 1. Wird ja Zeit, das mal wieder aufzufrischen. Fortan folgt man Seite für Seite dem Biologie-Lehrplan der 9. Klasse und spürt mit jeder Zeile: Inge Lohmark ist in ihrem Element. Darwin´s Gesetze sind für sie wie die Luft zum atmen. Aber bevor man die erste Seite umschlägt, kennt man ihr offenes Geheimnis: mit Menschen, speziell mit ihren Schülern, kann sie einfach nichts anfangen.

"Das Allerwichtigste war, gleich zu Beginn  streng zu sein. Nachlassen konnte man immer noch. Zumindest theoretisch. Hart sein. Konsequent sein. Keine Ausnahmen. Keine Lieblinge. Unberechenbar bleiben. Schüler waren natürliche Feinde. Die Untersten im schulischen Wirkgefüge." 

Sicher, sie ist ein Routinier und weiß genau, wie sie die Jugendlichen nehmen muss, damit diese ihre volle Aufmerksamkeit auf die Wunderwelt der Biologie richten. Aber außer ihr scheint niemand überzeugt von ihren Lehrmethoden, die selbst dem Schulamt mittlerweile zu antik erscheinen. "Kreidelastiger Unterricht. Mangelhafte Sozialkompetenz. Verknöcherte Persönlichkeit", wird ihr bescheinigt. Inge Lohmark steht darüber.

Seite für Seite zeichnet die Autorin das Bild einer spröden, in sich selbst gefangenen Naturwissenschaftlerin, die seit 30 Jahren an einer Provinzschule in Vorpommern Biologie unterrichtet und mehr Emotionen beim Anblick von Quallenplakaten und Rollenwerken der Mendel´Schen Gesetze entwickelt, als bei den Tränen ihrer Tochter, als dieser in der Kindheit von ihren Mitschülern böse mitgespielt wird. Inge Lohmark ist mehr Lehrkörper als Mutter und kann zwischen diesen Figuren ein Leben lang keine Brücke schlagen. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass ihre erwachsene Tochter sich weit fort von ihr im Ausland ein Leben aufgebaut hat und nicht daran denkt, zurückzukommen und den (bio-)logischen Schlussfolgerungen ihrer Mutter zu folgen und Kinder in die Welt zu setzen. Und es überrascht ebenso wenig, dass ihr Mann mehr Zeit auf seiner Straußenfarm verbringt, als bei seiner Frau.

Doch auch wenn Inge Lohmark emotionslos erscheint und in einigen Gedankengängen sogar kalt, gelingt es der Autorin durch eine gewisse Skurrilität der Protagonistin und ihrer Denkweise sowie durch eine behutsam eingesetzte Situationskomik eine herrlich unsympathische Heldin zu schaffen, die man spätestens nach der Hälfte des Buches gern ha(ss)t.

Diese Frau ist ein wandelndes Biologielehrbuch und manchmal wirkt der Überfluss an biologischem Wissen im Text wie Klugscheißerei und ermüdet ein wenig. Dennoch hat diese stilistische Idee ihren Reiz und ist definitiv ein gutes Mittel zum Zweck, um die Welt der sonderbaren Heldin in allen Facetten zu vermitteln.

Inge Lohmark ist voll im Lehrplan und mit sich im Reinen, bis sie sich ausgerechnet zu einer Schülerin der 9. Klasse hingezogen fühlt und ihr darwinistisches Weltbild und vor allem ihr verkümmertes Gefühlsleben aus den Fugen gerät und das des erstaunten Lesers gleich mit.

"Es gab zwei Strategien, mit dem Leben fertig zu werden. Es einfach hinnehmen. Oder versuchen, es zu verstehen."

Der schöne Leineneinband des Buches und die passenden Illustrationen von Fledermäusen, Quallen, Affen und anderem Biologie-Anschauungsmaterial geben dem Leser das Gefühl, ein altes Biologiebuch in der Hand zu halten und sind der perfekte Rahmen für einen außergewöhnlichen Roman, der nicht nur in seiner äußeren Aufmachung aus dem Rahmen fällt.

Der Hals der Giraffe

Der Hals der Giraffe

Deine Meinung zu »Der Hals der Giraffe«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik