Sanditon

Film-Kritik von Carola Krauße-Reim / Titel-Motiv: © Polyband

Jane-Austen-Verfilmung buchstäblich in den Sand gesetzt

Jane Austen (1775 – 1817) konnte ihre Arbeit an The Brothers, später Sanditon genannt, nicht vollenden. Wahrscheinlich schon durch ihre Erkrankung geschwächt, schrieb sie nach 11 fertiggestellten Kapiteln nicht weiter an dem Manuskript, das seitdem schon einige Versuche der Komplettierung erhalten hat. Jetzt hat sich der britische Autor Andrew Davies ans Werk gemacht und den Roman für eine Fernsehserie adaptiert. Nachdem Davies schon sehr erfolgreich die Drehbücher für Stolz und Vorurteil, Vanity Fair und Middlemarch geschrieben hat, war ich auf die Umsetzung von Sanditon sehr gespannt.

Das Geld regiert auch in Sanditon

Die junge Bauerntochter Charlotte Haywood hilft dem Ehepaar Parker nach einem kleinen Unfall und darf sie deshalb als Sommergast in ihr neues Heim an die Südküste Englands begleiten. Tom Parker hat den Traum, aus dem Fischerdorf Sanditon ein zweites Brighton zu machen. Mit der finanziellen Unterstützung der ortsansässigen Lady Denham lässt er moderne Häuser bauen, die den ganzen Komfort der Regency-Zeit besitzen.

Charlotte ist ganz begeistert von der neuen Umgebung, muss aber bald feststellen, dass auch hier das Geld regiert, Lug und Trug herrschen und menschliche Abgründe an jeder Ecke lauern. Sie freundet sich mit Miss Lambe an, einer reichen Erbin aus den Kolonien, die das Mündel von Toms Bruder, Sidney, ist, dem sie anfänglich sehr kritisch gegenübersteht. Tom selbst benötigt dringend Geld, um die Handwerker zu bezahlen und die Arbeiten fortzusetzen, doch die knausrige Denham will den Geldhahn zudrehen – eine andere Lösung muss her! Lady Denham selbst ist von geldgierigen Verwandten umgeben, die nur auf ihren Tod warten, um das Erbe einzustreichen; doch die alte Dame erweist sich als zäher Brocken. So ziehen Esther Denham und ihr Bruder Sir Edward zwar alle Register, doch sie müssen sich genauso gedulden wie die junge Clara Brereton, eine mittellose Nichte der alten Lady. Aber es wäre kein Jane-Austen-Roman, wenn sich nicht sehr schnell amouröse Verwicklungen einstellen würden, die auf verschlungenen Wegen gelöst werden wollen. Auch die üblichen „schrägen Vögel“ findet man in Sanditon: Diana und Arthur Parker, die restlichen der Parker-Geschwister, sind ausgemachte Hypochonder, denen jeder Weg zu weit und jeder Sonnenstrahl zu grell ist.

Die Schauspieler geben ihr Bestes

Das volle Tableau an Figuren schafft eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktere – vom rechtschaffenen Handwerker über die schrullige Lady bis hin zur dunkelhäutigen, steinreichen Erbin. Die Rollen sind von der Protagonistin bis hin zum letzten Nebendarsteller brillant besetzt.

Die bis jetzt wenig bekannte Rose Williams verkörpert eine unkonventionelle Charlotte Haywood, die sich sowohl in der heimischen Umgebung als auch im wesentlich mondäneren Sanditon zu behaupten weiß - was nicht unbedingt den sonst so sittsamen Protagonistinnen bei Jane Austen entspricht, die zwar auch ihren eigenen Kopf haben können, aber immer in ihrer gesellschaftlich diktierten Rolle verbleiben. Tom Parker ist ein Idealist, der sich nur, wenn es nicht mehr abwendbar ist, den praktischen Dingen wie der Geldbeschaffung zuwendet. Kris Marshall (Death in Paradise) verkörpert diesen etwas weltfremden Träumer mit viel gekonnt eingesetzter Mimik und einer Liebenswürdigkeit, dass man nur Mitleid mit ihm haben kann, wenn mal wieder alles daneben geht. Theo James (Downton Abbey) gibt dagegen den hilfsbereiten und praktisch denkenden, aber schnöseligen und undurchsichtigen Sidney Parker, der alle auf Distanz hält und sein Mündel, Miss Lambe (Crystal Clarke), gerne an der kurzen Leine führt; was auch nötig ist, denn sie ist längst nicht so unbedarft, wie es anzunehmen wäre. Grandios sind Alexandra Roach (No Offence) und Turlough Convery (Poldark) als unverbesserliche Hypochonder, denen eigentlich nichts als ein bisschen normales Leben fehlt und die so wunderbar schrullig eingebildet krank sind, dass sie den ein oder anderen Lacher vom Fernsehpublikum ernten dürften. Eine ganz hervorragend agierende Anne Reid, deren Gesicht dem Liebhaber britischer Serien bekannt sein sollte, gibt eine äußerst geschäftstüchtige und wenig diplomatische Lady Denham, die auch weichherzig sein kann, aber die meiste Zeit ihre Verwandtschaft mit eiserner Hand regiert. Das müssen vor allem Clara Brereton (Lily Sacofsky), Sir Edward Denham (Jack Fox) und Esther Denham (Charlotte Spencer) über sich ergehen lassen, die sie zu gerne beerben würden, aber vorher noch eine möglichst viel Geld einbringende Partie machen sollen.

Jane Austen wäre not amused

Doch so sehr sich die Schauspieler auch abmühen, ihre Rollen auszufüllen, die Dramaturgen (Andrew Davies, Justin Young und Andrea Gibb) und die Regisseure (Olly Blackburn, Lisa Clarke und Charles Sturridge) haben schlechte Arbeit geleistet: Während der Anfang noch typisch Jane Austen ist (kein Wunder - bis zum ersten Besuch bei Lady Denham auf Sanditon House ist es das Original-Manuskript), wird die nachfolgende Geschichte immer konfuser und von Szene zu Szene schlechter umgesetzt.

Nicht nur schwere Logikfehler wie elektrisches Licht, falsche Frisuren gepaart mit der völlig falschen Mode, Musik und Tänze, die es zur RegencyZeit noch gar nicht gab, machen das Ganze unglaubwürdig; ebenso wenig historisch korrekt ist gearbeitet worden, wird doch z.B. behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft - was aber in England erst 1834 geschah, also lange nach Jane Austen.

Das mag alles noch entschuldbar sein und mit halb zugekniffenen Augen und Ohren auch gerade noch erträglich, aber die völlig übertriebenen Actionszenen mit Verfolgungsjagden, Faustkämpfen und waghalsigen Stunts passen so gar nicht in Jane Austens Welt - ebenso wenig das rotgoldene Etablissement mit dem gewissen Angebot an Dienstleistungen. Dass sich dann auch noch Esther und Edward Denham als inzestuöses Geschwisterpaar herausstellen und in ihrer Darstellung eher aus einem Horrorstreifen entflohenen, blutsaugenden Vampiren gleichen, ist einfach zu viel - wie auch die Sexszenen, bei denen Jane Austen vermutlich in Ohnmacht gefallen wäre. Hier ist alles zu sehr auf Effekte ausgelegt; es fehlt die Feinfühligkeit und die hintergründige Scharfsinnigkeit gepaart mit einer exzellenten Beobachtungsgabe, die man von der Autorin gewohnt ist. Je weiter die Geschichte fortschreitet, werden die Darstellungen klischeehafter, die Handlungen wiederholen sich gebetsmühlenartig, die Dialoge lassen immer mehr die Scharfzüngigkeit und den Esprit einer Jane Austen vermissen, und der Schluss entspricht so gar nicht dem üblichen „Courtship and Marriage“-Plot und lässt vermuten, dass eine zweite Staffel geplant war, die aber bis jetzt noch auf sich warten lässt.

Fazit

Für wahre Jane-Austen-Fans dürfte diese Serie ein Graus sein: Das Bemühen, die Weiterführung ihres unvollendeten Manuskriptes in ihrem Sinne auszuführen, ist leider fehlgeschlagen. Mit Übertreibungen, falschen Requisiten, falschem Ambiente gepaart mit hölzernen Dialogen in sich ständig wiederholenden und konstruierten Szenen wurde Sanditon gründlich in den sprichwörtlichen Sand gesetzt. Nur wer Jane Austen nicht kennt, könnte in der Verfilmung ein etwas simples aber dennoch ansehnliches Kostümdrama sehen, das einen trüben Herbstnachmittag vielleicht doch noch ganz kurzweilig werden lassen mag.

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Fotos: © Polyband

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