Persischstunden

Film-Kritik von Carola Krauße-Reim / Titel-Motiv: © Alamode Film

Not macht erfinderisch, und Todesangst erst recht

Persischstunden von Vadim Perelman ist eine Mischung aus Kriegsszenario, Kammerspiel und Holocaust-Drama. Der Film feierte seine Premiere 2020 auf den Filmfestspielen in Berlin, wurde seit dem mehrmals für Preise nominiert und erhielt die Auszeichnung mit dem ‚José Salcedo Award‘. Seine Geschichte beruht auf der Erzählung Erfindung einer Sprache von Wolfgang Kohlhaase.

Eine erfundene Sprache kann das Überleben bedeuten

1942: Der junge belgische Jude Gilles befindet sich auf dem Transport in ein deutsches Arbeitslager. Aus Mitleid tauscht er sein letztes Brot gegen ein Märchenbuch auf Farsi ein. Das und seine Behauptung, er sei Perser und kein Jude, retten ihn vor der willkürlichen Exekution durch die SS, denn den Männern ist bekannt, dass Hauptsturmführer Koch, der die Küche im Lager befehligt, diese Sprache lernen will. Sie bringen Gilles - oder Reza, wie er sich jetzt nennt - zu ihm. Koch will nach dem Krieg ein Restaurant in Teheran eröffnen und verlangt von Gilles eine tägliche Anzahl von Vokabeln zu erlernen, um diesen Traum zu verwirklichen. Gilles sieht sich gezwungen, eine Sprache zu erfinden, die wie Farsi klingt. Doch auch er muss die Vokabeln memorieren um nicht aufzufliegen, und das ohne sie niederschreiben zu können. Als er dann neben seiner Küchentätigkeit auch noch das Insassenregister des Lagers führen soll, kommt ihm die rettende Idee: Er bildet neue Wörter aus Teilen der Namen und verknüpft diese mit ihnen und ihren Trägern; damit ist eine Erinnerung besser möglich. Doch Gilles weiß, dass nur ein Fehltritt sein Ende bedeuten kann. Zwischen dem Inhaftierten und dem SS-Offizier entwickelt sich im Laufe der Jahre eine Beziehung, die auf tönernen Füßen steht ...

Überragende Darsteller ziehen den Zuschauer in den Bann

Persischstunden erinnert an ein Kammerspiel, denn nur wenige Darsteller sind wichtig, um den Film zu tragen - allen voran Gilles oder Reza, der vom argentinischen Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart (Vor der Morgenröte, Becks letzter Sommer) gespielt wird. Schon sein hageres Äußeres trägt zur Authentizität bei, sein gekonnt eingesetztes Minenspiel und seine Fähigkeit, die versteckte Verzweiflung, aber auch den Überlebenswillen zu spielen, überzeugen vollends. Gilles weiß, dass er bevorzugt behandelt wird, ist aber immer bereit, Mithäftlingen zu helfen, und erfährt dadurch auch Hilfe von ihnen, wenn es einmal brenzlig wird. Biscayart verkörpert diesen Charakter auf das Vortrefflichste und lässt den Zuschauer Teil haben an der ständig präsenten Todesangst. Die geht vor allem von SS-Hauptsturmführer Koch aus - dieser wird vom Theater- und Filmschauspieler Lars Eidiger (Werk ohne Autor, GOTT von Ferdinand von Schirach, Was bleibt) verkörpert. Brilliant schafft er es, die etwas einfältige Figur zu zeigen. Koch ist ein Emporkömmling aus ärmsten Verhältnissen, der mitläuft und seine Macht durchaus mit ausgeübter Gewalt manifestiert. Er ist aber auch ein Realist, der weiß, dass der Krieg irgendwann vorbei sein wird und er dann ein anderes Standbein braucht. Zwischen ihm und Gilles entwickelt sich eine Ebene, die außerhalb des KZ-Betriebes zu existieren scheint und die lediglich auf der (erfundenen) Sprache basiert. Eidinger zeigt in diesen exklusiven Momenten einen Mann, der Gefühle zeigt, dem es sehr wohl bewusst zu sein scheint, dass die grausame Behandlung der Juden Unrecht ist und der dennoch brutal zuschlagen kann, um seinen Rang zu verteidigen und seinen Willen durchzusetzen. Neben diesen beiden Protagonisten bedarf es nur noch weniger Nebendarsteller, um die Geschichte abzurunden: Da gibt es u.a. den Lagerkommandanten, gespielt von Alexander Beyer (Sonnenallee), oder den Rottenführer Max Beyer (Jonas Nay, Club der singenden Metzger), der fest davon überzeugt ist, dass Gilles lügt und der ihm das Leben zur Hölle macht, als dieser in seinen Machtbereich gerät. Regisseur Vadim Perelman gibt den Schauspielern ausreichend Raum, ihr Können zu entfalten, und lässt sie so das Drehbuch von Ilya Zofin zum Leben erwecken, dass neben den Personen von seinen Dialogen, aber vor allem vom Unausgesprochenen lebt.

Ein Arbeitslager als grausame Wirklichkeit

Ort des Geschehens ist ein Arbeitslager irgendwo in Deutschland. Im Film erscheint es als eine Mischung aus Buchenwald mit seinem Eingangstor („Jedem das Seine“) und einem kleineren Lager, wie es so viele gab, mit 3-Etagen-Holzpritschen, Stacheldraht und einem zentralen Platz, auf dem die Gefangenen strammstehen mussten und von welchem aus sie in die Vernichtungslager im Osten geschickt wurden. Die Atmosphäre der Angst ist allgegenwärtig und nahezu greifbar - auch die Angst der Wehrmachtsoldaten und Aufseherinnen vor Ranghöheren. Denn hier findet auch das Miteinander der SS-Leute und der Soldaten statt, das oft genug geprägt ist von Missgunst und Anbiederei. Während vordergründig die Geschichte um Gilles und Koch spielt, zeigt sich im Hintergrund die ganze Brutalität der Shoah: Die Insassen werden entmenschlicht, grausam und gewissenlos behandelt und dann entsorgt, sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Auch in diesem ansonsten eher ruhig dargestellten und dialoglastigen Film sollte man auf Gewaltexzesse gefasst sein, die ohne jedes Schuldverständnis zelebriert werden.

2840 Namen

Der Zuschauer wird in Persischstunden emotional gefordert: Die Brutalität, das Leben im Lager und die ständige Angst sind keine leicht zu verdauende Kost. Wenn dann das Ende des Krieges naht, hofft man auf Gerechtigkeit, die leider aber nicht immer geschieht. Manche Szenen sind kaum auszuhalten, andere rühren zu Tränen, und andere wiederum lassen doch noch die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufkommen.

Juden sagen, dass der Mensch zwei Mal stirbt: Das erste Mal, wenn das Leben zu Ende ist; das zweite Mal, wenn der Name ein letztes Mal genannt wird und dann in Vergessenheit gerät. Gilles hat die Namen der Insassen für seine erfundene Sprache gebraucht (die übrigens für Koch noch zum Desaster wird) und mit ihrer Hilfe überlebt. Nach Ende des Krieges kann er 2840 Namen nennen und diese Menschen vor dem zweiten Sterben retten – ihre Namen werden nicht vergessen werden!

Fazit

Persischstunden ist ein einfühlsam gespielter und dadurch ruhiger Film, der die verzweifelte Lage der verfolgten Juden zeigt, aber auch ihren unbändigen Willen, zu überleben. Er ist ein weiteres Werk rund um die Shoah, das dazu beiträgt, diese Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Der Zuschauer wird emotional gefordert und sollte sich auf brutale Szenen einstellen, welche die Freigabe des Filmes ab 12 Jahren durchaus rechtfertigt.

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Fotos: © Alamode Film

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