Doch das Böse gibt es nicht

Film-Kritik von Carola Krauße-Reim / Titel-Motiv: © absolut Medien GmbH

Vier Leben im Iran

Doch das Böse gibt es nicht wird als ein Höhepunkt des iranischen Films angesehen. Seine Uraufführung fand am 28.02.2020 während der 70. internationalen Filmfestspiele in Berlin statt, deren höchste Auszeichnung, den Goldenen Bären, er im Folgenden gewann. Regisseur Mohammad Rasoulof gerät durch seine politisch kritische Arbeit immer wieder in Konflikt mit dem totalitären Regime im Iran. Er befindet sich unter ständiger Beobachtung, stand schon unter Hausarrest, und seine Filme müssen teilweise außer Landes geschmuggelt werden, um überhaupt der Öffentlichkeit gezeigt werden zu können. Kurz nach Bekanntgabe der Preisverleihung wurde er zu einer einjährigen Haftstrafe und zweijährigem Arbeitsverbot verurteilt. 2021 soll er in der Jury der 71. Berlinale sitzen, wird aber nur online teilnehmen, da ihm die Ausreise verweigert wurde.

Eine Frage des Gehorsams und der persönlichen Integrität

In diesem emotional fordernden Film widmet sich Rasoulof der Todesstrafe im Iran. Für uns ist dieses Thema weit weg und sehr theoretisch, für die Menschen im Iran aber alltäglich und eine ganz persönliche Bedrohung. Unter dem absoluten Regime der Geistlichkeit kann diese Strafe sehr schnell verhängt werden und Kritiker und Verbrecher gleichermaßen treffen. Vollstrecker mit Gewissen stehen unweigerlich vor der Frage nach Gehorsam und persönlicher Integrität. Diese Herausforderung zeigt Rasoulof in vier Episoden: Bevor Heshmat ein liebevoller Ehemann, Vater und Sohn sein kann, geht er jeden Tag sehr früh zur Arbeit; Puya ist Wehrdienstleistender in einem Gefängnis und soll eine Hinrichtung vollstrecken – das kann er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren und sucht nach einer Lösung; Javad hat Urlaub vom Wehrdienst bekommen, um seine Verlobte an ihrem Geburtstag zu besuchen – doch dort wartet eine unangenehme Überraschung auf ihn; Bahram ist Arzt, darf aber nicht praktizieren, und als seine Nichte Darya aus England zu Besuch kommt, erfährt sie seine Geschichte, die eng mit ihrer verknüpft ist.

Einfühlsam und schockierend

Alle vier Episoden entführen uns in eine Welt, die wir so kaum kennen dürften. Der Einblick in das Leben im Iran ist vielseitig und interessant – vom Hinweis auf das ständig zu tragende Kopftuch bis zur Problematik des Wehrdienstes, der zwingend straffrei abzuleisten ist, wenn man einen Reisepass oder auch nur Urlaub beantragen will. Rasoulof erzählt ausführlich und einfühlsam, betont das Alltägliche, um dann schockierend und schlagartig zum Kern der Episode zu kommen. Das ist nicht leicht zu ertragen und fordert den unbedarften Zuschauer gehörig. Die Kritik am Regime ist bemerkenswert offen, wenn z.B.  Sätze fallen, wie „Gesetze bedeuten Geld, Begünstigungen und Macht“; die Aufforderung zur persönlichen Verantwortung, aber auch: „Deine Moral liegt im Nein-Sagen“. Doch das Böse gibt es nicht ist definitiv kein Unterhaltungsfilm und sollte mit Kindern nicht gesehen werden; selbst die Freigabe ab 12 Jahren halte ich für problematisch. Das intensive Spiel der Schauspieler unterstreicht die Dramatik noch zusätzlich, zeigt uns aber neben dem Fokus auf das Thema auch viel interessant Nebensächliches: z.B. ein generationenübergreifendes Familienleben; die ständige Kontrolle durch das Regime; die Zustände während des Wehrdienstes; und nicht zuletzt die Landschaft des Irans, die außerhalb der Städte schnell nahezu menschenlos und wunderschön ist. Um dem Erzählten immer folgen zu können, ist die Kenntnis der heutigen Verhältnisse in dem Land und seiner jüngeren Geschichte hilfreich. Zwar agieren die Schauspieler brillant, aber manches wird nur angedeutet oder als bekannt vorausgesetzt, gerade was den Widerstand oder die möglichen Konsequenzen betrifft.

Fazit

Doch das Böse gibt es nicht ist ein Film, der fordernd und schockierend dem Thema der Todesstrafe nachgeht und nach Gehorsam und der persönlichen Verantwortung und Integrität fragt. Verdientermaßen mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, ist er kein Unterhaltungsfilm, sondern ein aufrüttelndes und intensives Episoden-Drama, das nicht mit Kindern angesehen werden sollte.

Fotos: © absolut Medien GmbH

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