Belfast

Film-Kritik von Carola Krauße-Reim / Titel-Motiv: © Universal

Eine sehr persönliche Ode an die Stadt seiner Kindheit

Buddy ist 9 und lebt in einem typischen Arbeiterviertel von Belfast. Das Leben spielt sich zu einem großen Teil vor den kleinen Reihenhäusern ab, die an einer schmalen Straße stehen, auf der die Kindermassen herumtoben. Doch im August 1969 ist die Idylle vorbei, denn ein protestantischer Mob will die wenigen Katholiken der Straße gewaltsam vertreiben. Jetzt sollen Barrikaden und Wachen die Bewohner schützen. Die zunehmende Gewalt im Land stellt Buddys Eltern vor die Frage, ob sie Irland verlassen und nach England gehen sollen. Doch diese Entscheidung ist alles andere als einfach zu treffen.

Buddy ist Kenneth Branagh

Kenneth Branagh u.a. bekannt durch seine Auftritte in Shakespeare-Rollen oder als Filmschauspieler in Harry-Potter- oder Agatha-Christie-Verfilmungen, hat „Belfast“ inszeniert und auch das Drehbuch verfasst. Er hat sich an seine eigene Kindheit in der nordirischen Stadt erinnert, die geprägt war von Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl, aber auch dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten.

Doch Branagh stellt nicht die „Troubles“ in den Vordergrund der Handlung, sondern die Familie und das irische Lebensgefühl. Er erzählt konsequent aus Buddys Perspektive, für den die Gewalt zwar da ist, aber nicht sein Leben bestimmt. Das tun vor allem seine Mom, sein Pop und seine Granny.

Tragik, viel Musik und noch mehr Humor

Branagh lässt die Tragik der „Troubles“ und des Lebens in relativer Armut nie ins   polemische abgleiten, sondern macht aus „Belfast“ einen, im wahrsten Sinn des Wortes, „Familienfilm“. Er vermittelt die typische Gelassenheit, mit der die Iren ihr Leben meistern („Die Iren sind zum Auswandern geboren. Sonst gäbs im Rest der Welt ja gar keine Pubs“), lässt die Musik der 60er in diversen Einlagen noch einmal aufleben und schafft es, selbst die Gewalt humorvoll zu betrachten, wenn z.B. Buddy gezwungenermaßen einen Supermarkt mitplündert und ausgerechnet ein Waschmittel mitgehen lässt, weil es ökologisch ist oder er mit seiner Cousine Moira ein Gespräch über die Identifizierung von Protestanten und Katholiken führt. Wenn Pop dann auf dem Plumpsklo im Hinterhof sitzend seine Weisheiten von sich gibt, ist der ein oder andere Lacher garantiert.

Die tiefe Verbundenheit der Iren zu ihrem Land, ihrer Familie und ihre ausgeprägte Geselligkeit sind die Kernaussagen dieses Films, der komplett in Schwarz-Weiß gezeigt wird. Er macht einfach Spaß und vermittelt dennoch die ganze Tragik der Situation. Vor allem das im Bonusmaterial mitgelieferte alternative Ende drückt dann auch ein wenig auf die Tränendrüse, wenn Branagh es sich nicht verkneifen kann als erwachsener Buddy in seine Straße in Belfast zurückzukehren.

Die Schauspieler sind brillant

Wie Branagh selber zugibt, hat er mit dem Team der Schauspieler einen absoluten Glücksgriff getan. Judy Dench als Granny und Ciarán Hinds als Pop sind die schlagfertige Großelternliebe in Person. Caitríona Balfe und Jamie Dornan sind Buddys Eltern, wie sie mit allen ihren Sorgen und Ängsten aber auch ihrer Lebensfreude und ihrer bedingungslosen Liebe zu ihren beiden Kindern sind. Buddy selbst wird von Jude Hill gespielt.

Er verkörpert den gewitzten Jungen, der in das Nachbarsmädchen verknallt ist und so gerne Fußballprofi werden möchte, so gekonnt und glaubhaft, dass man es kaum glauben kann, dass er noch nie vor der Kamera stand. Auch die Nebenrollen sind mit u.a. Lara McDonnell als Moira oder John Sessions in seiner letzten Rolle passend besetzt.

Fazit

„Belfast“ ist einer der besten Filme in letzter Zeit! Hier stimmt einfach alles, von der humorvoll umgesetzten Story über den geschichtlichen Hintergrund bis hin zur formidablen Leistung der Schauspieler. Die vielen Nominierungen und Auszeichnungen sind absolut gerechtfertigt, denn „Belfast“ ist einfach nur Filmgenuss pur.

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Fotos: © Universal

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