Ach, diese Lücke,
diese entsetzliche Lücke

Film-Kritik von Yannic Niehr / Titel-Motiv: © Warner Bros. Pictures

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ - Dietrich Bonnhoeffer

Nach dem Unfalltod seines Bruders fühlt sich Joachim einsam und verloren. Aus einer Laune heraus und ohne nennenswerte Vorerfahrung beschließt er, sein Glück an der Otto-Falckenberg-Schule in München zu versuchen, um Schauspieler zu werden. Dort zieht Joachim bei seinen Großeltern Inge und Hermann ein - er: Philosophieprofessor im Ruhestand, sie: selbst ehemalige Schauspielerin. Doch allzu viel beibringen kann (und will) Inge ihrem Enkel nicht, denn „die Arbeit muss man selber machen“.

Sogar für ihn selbst überraschend, besteht Joachim die Aufnahmeprüfung und wird aus unzähligen Bewerbern in das kleine Grüppchen Erstsemester aufgenommen. Fortan besteht sein Alltag aus den Ritualen seiner lebensklugen, aber eigenwilligen Großeltern – im Grünen wandern, auf dem Wohnzimmerteppich liegen und dabei in Musik schwelgen, sowie diverse Spirituosen konsumieren, und das nicht zu knapp – und den Schauspielübungen an der Schule, deren Sinn sich ihm zumeist nicht erschließt.

Zudem wird die Luft für ihn immer dünner, denn wo er in der Prüfung einen Glückstreffer landen und mit unerwarteter Emotionalität überzeugen konnte, gerät er nun schnell ins Hintertreffen. Der Schmerz, den er verdrängt, bricht sich zwar gelegentlich in unkontrollierten Wutausbrüchen und Trotzreaktionen Bahn, aber ihn künstlerisch zu kanalisieren gelingt Joachim nicht, weswegen ein Großteil der Dozierenden ihn schon bald aufgegeben hat. Doch sich selbst aufgeben will er nicht. Wird Joachim trotz all der Steine, die ihm das Leben in den Weg wirft, seinen Weg finden ...?

„Altwerden, das ist die größte Zumutung von allen“

Joachim Meyerhoff, Jahrgang 1967, ist nicht nur gestandener Schauspieler, sondern hat sich in den letzten Jahren vor allem als Autor der fantastisch erzählten, tragikomischen und sensiblen autobiographischen Alle Toten fliegen hoch-Romane einen Namen gemacht. In diese Reihe fügt sich auch das nach einem Zitat aus Goethes Leiden des jungen Werther benannte und ursprünglich als Monolog am Wiener Burgtheater konzipierte Werk Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ein, das nun (nach zuletzt auch Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war im Jahr 2023 unter der Regie von Sonja Heiss) kongenial von Simon Verhoeven (Männerherzen) verfilmt wurde. Entstanden ist ein authentischer und herzzerreißender Film, der leise Töne und düstere Abgründe nicht scheut – und gleichzeitig wirklich sehr lustig ist.

 „Ich hörte mich atmen, lachen, und ertrug den Klang meiner Stimme nicht“

Verhoeven und seinem Team ist es gelungen, genau den richtigen Ton zu treffen, um den leisen Humor und die unaufgeregte Melancholie der Bücher auf die Leinwand zu übertragen. Neben der intimen visuellen Erzählweise ist es besonders der Austausch von Generationen, die sich an verschiedenen Punkten ihres Lebens befinden, gänzlich verschiedene Perspektiven darauf haben und trotzdem – oder gerade deshalb – voneinander lernen, der diese Coming-of-Age-Story so besonders macht. Daneben werden aber durchaus auch klassische Motive wie Verlust, Trauer, Liebe und Selbstfindung aufgemacht. Dadurch, dass der Film sich mit diesen universellen Themen auseinandersetzt, funktioniert er als in sich eigenständige und abgeschlossene, für sich stehende Geschichte, die ein Vorwissen (z.B. aus den anderen Büchern) nicht voraussetzt. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass das Ende alles vielleicht sogar ein bisschen zu fein säuberlich zu verpacken sucht.

Dass nicht vollends überzeugende Momente wie dieser über die für deutsche Komödienverhältnisse doch recht stattliche Laufzeit von 2 Stunden und 16 Minuten äußerst rar gesät sind, ist allen voran Bruno Alexander als Joachim Meyerhoff zu verdanken. Der Jungschauspieler gibt eine beeindruckende Darbietung, die das unverhofft tiefe und komplexe Gefühlsspektrum der Hauptfigur einfühlsam auslotet und dabei insbesondere durch eine anrührende Natürlichkeit besticht, die einen jeden emotionalen Beat mitgehen lässt, selbst wenn manche davon aus erwachsener Distanz kindisch erscheinen mögen. Nach dieser Performance zu urteilen, dürfte Alexander in Zukunft noch häufig auf der großen und kleinen Leinwand von sich reden machen. Ihm gegenüber steht Senta Berger, die Großmutter Inge Birkmann mit ihrer Wärme, aber auch dem nötigen Pathos erfüllt. Die Grande Dame der deutschsprachigen Schauspiellandschaft darf auf eine illustre Karriere zurückblicken und hat damit genau das richtige Standing, um eine Figur zu verkörpern, die sich selbst zwar auch schonmal im filmdivenhaften Turban für ihre Erfolge feiern lässt, mit ihrer Kunst jedoch nicht hausieren geht und im Grunde zutiefst menschlich und verletzlich ist. Unterstützt wird sie von Michael Wittenborn, seines Zeichens selbst Alumnus der Falckenberg-Schule. Gemeinsam geben sie charmant und glaubhaft ein über Jahrzehnte aufeinander eingeschliffenes Gespann, das Herzlichkeit mit Abgeklärtheit, Exzentrizität mit Resilienz und Weisheit mit Witz verbindet. In Nebenrollen komplettieren u.a. Tom Schilling als taffer Regieassistent oder Karoline Herfurth als schrullige Improvisations-Dozentin das authentische Personal des Films.

Abgerundet wird die Atmosphäre durch einen Hauch zeitloser, unaufdringlicher 80er-Jahre-Nostalgie und interessante Einblicke hinter die Kulissen der Schauspielerei, die zu erlernen kein geradliniger, klar umrissener, sondern holpriger Pfad ist, der vor allem in der Herausbildung einer vielseitigen, unverstellten und stets ihren Horizont erweiternden Persönlichkeit besteht. Diesen Hintergrund nutzt der Film aber lediglich als Bühne, um darauf die beginnende Selbstwerdung eines jungen Mannes zu zeigen, der vom Leben gezwungen wird, dem Erwachsensein ins Auge zu blicken. Und dank der kurzweiligen, stimmigen und detailverliebten Umsetzung begleitet man ihn als Publikum dabei nur zu gern.

Kleiner Tipp: Wer zu Beginn des Abspanns nicht gleich aufspringt, wird noch mit ein paar sehenswerten Originalaufnahmen von Meyerhoff und seiner Großmutter in einer innerhalb der Filmhandlung auch eine Rolle spielenden gemeinsamen Produktion belohnt.

Fazit

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke dürfte nicht nur alle Erwartungen von Kennern der Buchvorlage erfüllen, sondern auch jene mit ins Boot holen, die das deutsche Kino bereits aufgegeben haben. Ein kleiner, aber feiner Film zum Sinnieren, Träumen, Weinen und Lachen!

Bilder: © Warner Bros. Pictures

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