Der Überläufer

Film-Kritik von Yannic Niehr / Titel-Motiv: © Edel Motion

„KRIEG: das ist das grausam-lächerliche Abenteuer, in das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht“

Sommer 1944: Der 2. Weltkrieg befindet sich in seinen letzten Zügen. Gegen den Willen seiner Schwester (Katharina Schüttler) und seines Schwagers (Shenja Lacher), mit denen er einen kleinen Hof bewohnt, begibt sich der junge Wehrmachtssoldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) – mehr aus Pflichtgefühl denn Überzeugung – zurück an die Ostfront. Auf dem Weg lernt er die junge Polin Wanda (Małgorzata Mikołajczak) kennen, der er unbemerkt zur Fahrt in seinem Transport verhilft, bevor sie sich wieder absetzt. Sein Ziel soll Walter jedoch nicht ganz erreichen: Partisanen legen eine Sprengladung auf den Schienen, der Zug entgleist. Nicht fern von seinem eigentlich geplanten Stützpunkt trifft er im Feindesland auf einen verlorenen, heruntergekommenen Außenposten, der von einer Handvoll versprengter Soldaten (Bjarne Mädel, Florian Lukas, Mathias Herrmann, Adam Venhaus) unter der Leitung von Unteroffizier Wilhelm Stehauf (Rainer Bock) gehalten wird. Ein kurzer Anruf genügt: Da gerade ein Kamerad gefallen ist, soll Walter gleich hierbleiben und die „freie Stelle“ besetzen.

Stehauf ist ein eiskalter und zynischer Pragmatiker, der den bunt zusammengewürfelten Haufen nach Lust und Laune schikaniert. Doch auch vor dem Leben von Zivilisten zeigt er wenig Respekt. Der regimekritische Gefreite Wolfgang Kürschner (Sebastian Urzendowsky) hat ihn daher schon lange über, und auch Walter zweifelt mehr und mehr an seiner Arbeit, die vor Ort hauptsächlich aus Patrouillen im Zwist mit den verstreuten Partisanen besteht. In der Truppe machen sich Sinnleere, Überdruss und Wahnsinn breit. Der einzige Hoffnungsschimmer für Walter ist Wanda, die er überraschend wiedertrifft – denn sie gehört zu den Partisanen, geht aber dennoch mit ihm eine gefährliche Beziehung ein. Alles kommt zum Wendepunkt, als Walter aus Notwehr einen jungen Partisanen erschießen muss – der, wie sich herausstellt, Wandas Bruder war. Kurz darauf wird der Außenposten ein- und die Truppe festgenommen. Doch kann Wanda ihre Gefühle für Walter nicht verleugnen, und lässt ihn gehen.

Letztlich fällt dieser der Roten Armee in die Hände, sodass ihm nur ein Ausweg bleibt: zum Überläufer zu werden. Unerwartet trifft er dort auch den bereits desertierten Wolfgang wieder, der ihn zum Widerstand und „aktiven Pazifismus“ überredet. Immer mehr muss Walter sein eigenes Tun hinterfragen, und was für eine Rolle er in diesem Krieg wirklich spielen will…

„Wer immer nur sagt: ‚Ich bin gegen den Krieg‘ und nichts dafür tut, dass er ausgerottet wird, der gehört ins Museum“

Siegfried Lenz‘ Anti-Kriegs-Roman wurde erst Jahrzehnte nach seinem Verfassen wiederentdeckt und avancierte zum Bestseller. Jetzt, 75 Jahre nach Kriegsende, ist diese Filmfassung entstanden, welche im April als Zweiteiler in der ARD zu sehen war und nunmehr im Handel erhältlich ist. Schnell wird klar, dass es sich weniger um ein spektakuläres Epos im Stil von Pearl Harbor handelt, sondern um eine intime, persönliche Geschichte über individuelle Schicksale vor dem Hintergrund des ausgehenden Krieges. Zwar bietet der zweite Teil gegen Ende einige Bilder vom zerstörten Berlin (die leider nicht durchweg überzeugen, da sie eben aus dem Computer stammen mussten), ansonsten sind große Kulissen oder Schlachten aber nicht das Herzstück. Im Zentrum stehen ganz klar die Figuren – gewöhnliche Menschen, die von ungewöhnlichen Umständen aus ihren Leben gerissen und in unangenehme Konflikte und Rollen gedrängt werden.

Der talentierte Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner als Walter Proska trägt dabei fast den ganzen Event-Zweiteiler auf seinen Schultern. Ein moralisches Dilemma jagt das nächste, und zum Schluss kann Walter sich der Erkenntnis nicht mehr erwehren, dass der Krieg zutiefst unmenschlich ist und jegliche Beziehungen der Menschen zueinander als auch zu sich selbst zunichte macht. Doch zeigt sich in der Wandlung der Figur des Wolfgang Kürschner als Gegenstück zu Proska, dass auch die andere Gesinnungsrichtung ins falsche Extrem umschlagen kann: In seinem Wunsch, eine bessere Zukunft zu errichten, wird Wolfgang immer radikaler und nähert sich in seinem Tun schließlich denen an, die er am meisten verachtet – eine Entwicklung, die Urzendowsky erfrischend authentisch gelingt. Walter ist gezwungen, sich innerhalb dessen, was ihm durch den Krieg widerfährt, ständig neu zu verorten. Niewöhner gelingt eine einfühlsam-zurückhaltende, sympathische Darbietung.

Doch auch die Nebenrollen sind gut besetzt: Neben Ulrich Tukur in einer Gastrolle können vor allem Bjarne Mädel in einer für ihn eher untypisch ernsten Rolle als Koch des Außenpostens sowie Adam Venhaus als schlesischer Gefreiter, dem der Krieg schleichend die Zurechnungsfähigkeit raubt, überzeugen. Sogar etwas Galgenhumor findet sich inmitten des Dramas: Rainer Bocks Stehauf ist zwar durch und durch ein Unsympath, kann aber mit seiner pragmatisch-sardonischen Art trotzdem für den ein oder anderen Lacher sorgen: „Wir haben keine Verpflegung, keine Zigaretten, keinen Schnaps, keine Weiber … und keine Hoffnung. Haben Sie das kapiert?“ Małgorzata Mikołajczak als kokette und doch leidenschaftliche Wanda rundet das Ensemble ab und sorgt für einige sehr berührende Zwischentöne.

„Wer wärst du, wenn es den Krieg nie gegeben hätte?“

Technisch kann der Film größtenteils punkten mit einer Kameraführung, die nah an den Charakteren bleibt und einer ergreifend melancholischen Musikuntermalung. Der Übergang zu Teil 2 ist hingegen etwas holprig geraten: Dieser beinhaltet zwar den Großteil der thematischen roten Fäden, ist aber aufgrund der vielen Zeitsprünge und Haken, welche die Handlung in teils halsbrecherischem Tempo schlägt, unruhiger und weniger fokussiert geraten als die erste Hälfte. Auch werden einige Stellen eine Spur zu rührselig – so verdrängt z.B. gelegentlich das Beziehungsdrama um Walter und Wanda den historischen Kontext ein wenig. Doch gerade in dieser Liebesgeschichte findet sich auch eines der stärksten Anti-Kriegs-Statements des Films, und die überraschende Schlussszene zeigt, wie der Krieg und die durch seine Folgen entstandenen Narben die an ihm Beteiligten niemals gänzlich loslassen. Trotz kleinerer Stolpersteine erzählen beide Teile insgesamt ihre Geschichte eindrücklich und versiert. Bild- und Tonqualität bewegen sich auf bestem Blu-Ray-Niveau, und für Interessierte sind noch einige Zusatzmaterialien vorhanden. Der Überläufer ist damit absolut sehenswert und qualitativ hochwertiges Kriegsdrama made in Germany.

Fazit:

Trotz des Alters der Buchvorlage sind die pazifistischen Anklänge in Der Überläufer aktueller und nötiger denn je. Die Filmversion ist eine stimmige, emotional wuchtige Literaturverfilmung, die sich nicht hinter großen Kinoproduktionen verstecken muss!

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Der Überläufer

  • Polen, Deutschland
  • Regie: Florian Gallenberger
  • Drehbuch: Bernd Lange, Florian Gallenberger
  • Musik: Antoni Łazarkiewicz
  • Länge: 2 Teile à je ca. 85 Minuten

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