Duell mit dem Schatten

Erschienen: Januar 1953

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 1953, Seiten: 293, Originalsprache
  • München: dtv, 2000, Seiten: 246, Originalsprache

Couch-Wertung:

82

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Almut Oetjen
 Schuldig ist, wer geboren ist

Buch-Rezension von Almut Oetjen Sep 2011

Der dritte Roman von Siegfried Lenz erzählt eine Geschichte über Formen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, über die Bilanzierung eines fortgeschrittenen Lebens als Rechenschaftsleistung und über den Blick in die Zukunft jungen Lebens, welches seine Wurzeln in der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat. Der Handlungsort ist Libyen.

Lenz wählt für seinen Roman die Gestalt eines Triptychons mit je zwei Hauptfiguren pro Bildteil. Im Mittelstück, dem Hauptstrang der Erzählung, befindet sich ein namentlich nicht genannter deutscher Oberst a.D. der Wehrmacht im Juni 1952 mit seiner Tochter Biggi in der libyschen Wüste, an einem Ort, an dem er im Krieg gekämpft und seinen Fahrer Heinz Mackenbrandt, seinen Vertrauten und Freund, zurückgelassen hat. Er weiß, dass ihm nicht mehr viel Lebenszeit bleibt, will deshalb Rechenschaft als Legitimation zum Tode ablegen. Vater und Tochter sind einander in Hass und Verachtung verbunden. Sie werden in einem Sandsturm getrennt.

Ein Flügel erzählt in einer Parallelhandlung von den Brüder Alaric und Horace McGill. Die beiden jungen Briten haben unter Montgomery in Afrika gegen die Deutschen gekämpft und befinden sich nun an dem früheren Kriegsschauplatz als Erinnerungsort. Sie finden Biggi ohnmächtig im Sand, kümmern sich um sie und helfen ihr bei der Suche nach ihrem Vater.

Der andere Flügel handelt von Max Senger und Helmuth Holebein, zwei Deutschen und Veteranen des Afrikakrieges. Sie durchfahren mit einem Laster dieses Riesengrab und suchen Überreste gefallener Soldaten. Sie finden den Obersten im Wüstensand.

Schatten der Vergangenheit

Allen drei Erzählsträngen gemeinsam ist, dass die Schatten der Vergangenheit auf die Überlebenden des Krieges wirken. Die Hauptfiguren setzen sich auf je eigene Weise damit auseinander. Der Oberst will bilanzieren und Rechenschaft ablegen, die beiden Briten wollen verstehen, in was sie damals hineingeraten sind, die beiden Deutschen leisten eine Form von Wiedergutmachung oder auch Ablass. Sie übergeben die Überreste toter Briten einer britischen Einheit, sammeln also unterschiedslos. Biggi erinnert an Siggi aus der >Deutschstunde<. auch sie befreit sich im verlauf des romans von ihrem mit schuld beladenen tyrannischen und vater f ihr eigenes duell dem schatten.>

Der Romantitel bezieht sich zuallererst auf das Mittelstück dieses Bildes, mithin auf den Obersten, eine Figur, die als äußerlich im Verfall befindlich und charakterlich wenig liebenswert gezeichnet ist.

Der Oberst befindet sich offenbar nur in kranken Beziehungen. In der Folge des Leidens unter seiner nicht bewältigten Schuld gegenüber seinem Fahrer Mackenbrandt wurde er unehrlich, selbstbezogen, kontrollsüchtig und dysfunktional, entwickelte fordernde Verhaltensweisen, die sich insbesondere gegen Biggi richten. Vertrautheit und Intimität sind in der Beziehung zwischen Vater und Tochter nicht (mehr) vorhanden. Der Oberst ist nicht einmal sich selbst nahe, weshalb er die Möglichkeit der Nähe sogar Biggis ablehnt. Ob er seine Tochter liebt, einmal geliebt hat, darüber lassen sich nur Mutmaßungen anstellen. Er verhält sich ihr gegenüber unausstehlich und ablehnend, voller Hochmut.

Er ist sich irgendwann selbst verlorengegangen und leistet in der erzählerischen Gegenwart keinen Widerstand gegen seine Auflösung, strebt nur noch dem Abschluss seines Lebens in der Rechtfertigung entgegen. Die angestrebte Bilanzierung oder Rechenschaftslegung hat nichts von auf Erlösung oder Selbstheilung ausgerichtetem Verhalten, ist in der Anlage destruktiv. Lenz lässt seine Hauptfigur an einer Stelle sagen: „Aushalten, das heißt, dem Gleichmut der Welt seinen eigenen Gleichmut entgegensetzen.“ Alte Wunden und Traumata können vielleicht verstanden, aber im Leben nicht bewältigt oder geheilt werden. Es ist nur möglich, sie auszuhalten, so wie man das Leben erträgt, bis zum Tod. Das Aushalten in Verbindung mit Schwäche und Feigheit, mit moralischem Versagen, durchzieht auch explizit als Thema den Roman, wenn der Oberst sich mehrfach hierzu äußert und Lenz darin zugleich andeutet, dass das Bemühen des Obersten in die Leere laufen muss. Lenz gestaltet eine Extremsituation an einem extremen Ort, der Wüste, in der der Mensch auf seine nackte Existenz zurückgeworfen ist. In dieser wird der Oberst zu einem Märtyrer, mit Unterstreichung durch die Verwendung biblischer Verweise.

In Verbindung mit den beiden Briten Alaric und Horace McGill wird die Konstruktion des Romans als Reagenzglassituation erkennbar, bedenkt man allein die Wahrscheinlichkeit, dass sich zur gleichen Zeit die Feinde von einst, die sich seinerzeit persönlich gegenüberstanden, am selben Ort wieder einfinden.

Als Band 3 des Editionsprojekts der auf 25 Bände angelegten Hamburger Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz ist >Duell mit dem Schatten

Im Vergleich mit anderen Ausgaben von >Duell mit dem Schatten

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