Weiskerns Nachlass

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2011, Seiten: 318, Originalsprache

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Carsten Germis
Neues aus dem akademischen Prekariat

Buch-Rezension von Carsten Germis Sep 2011

Jugendgewalt, Betrüger, akademisches Prekariat, Universitäten unter Spardruck, keine Forschung ohne Drittmittel, Steuergerechtigkeit – in seinem neuen Roman Weiskerns Nachlass lässt Christoph Hein so gut wie kein Thema aus, das in Zeitungen heute die Schlagzeilen bestimmt. Hat Hein, der in der DDR mit seinen gesellschaftskritischen Roman bekannt geworden ist, jetzt also den großen Gesellschaftsroman geschrieben, der der Bundesrepublik des Jahres 2011 den Spiegel vorhält? Die Hauptfigur des Romans, Rüdiger Stolzenburg, gerade 59 Jahre alt geworden, arbeitet als Kulturwissenschaftler in Leipzig. Stolzenburg hat eine Halbtagsstelle, verdient zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel. Das Finanzamt fordert eine fünfstellige Steuernachzahlung, besteht auf sofortiger Zahlung, weil der zuständige Beamte nicht glauben mag, dass Stolzenburg als Akademiker so wenig verdient. Eine Bande 12-jähriger Mädchen schlägt Stolzenburg auf offener Straße brutal zusammen und verfolgt ihn durch den ganzen Roman immer weiter. An der Uni sind die Studenten desinteressiert und die Dozenten in den geisteswissenschaftlichen Fächern desillusioniert. "Das Seminar verläuft ohne Vorfälle. Es gibt kein Leuchten und kein Licht, keine Offenbarung, keine Idee, keinen Geistesblitz, keine Erkenntnis weder bei ihm noch bei den Studenten", denkt Stolzenburg. Für ihn, geschieden, aber ohne Kontakt zu Frau und Tochter, ist das Glas immer halb leer. "Er liebt die Frauen, aber er braucht die Distanz." Ein freudloses Leben, wäre das, gebe es da nicht den Sachsen Friedrich Wilhelm Weiskern. "Ein vergessener Schriftsteller, der einst ein Libretto für Mozart schrieb". An dessen Werkausgabe arbeitet Halbtagsdozent Stolzenburg mit Leidenschaft – aber ohne Aussicht auf finanzielle Förderung. Weiskerns Welt, dessen Zeit ist es, nach der sich der moderne Hagestolz Stolzenburg sehnt. Hein schreibt wieder Gesellschaftskritik, sie bleibt aber in der Beobachtung hängen. Sie ist, genau besehen, unwahrscheinlich konservativ.

Das fängt schon bei Kleinigkeiten an. Stolzenburg ärgert sich, als er eine Benachrichtigung für das Einschreiben vom Finanzamt in seinem Briefkasten findet. "Der Bote hatte gar nicht versucht, ihm das Schreiben zu übergeben, sondern den rötlichen Vordruck über eine nicht zustellbare Sendung eingeworfen, um seine Tour eher beenden zu können." Wer hätte diese kleinbürgerliche Empörung nicht selbst schon einmal empfunden? Oder, wenn er sich nach dem Überfall der Mädchenbande daran erinnert, dass der Polizeipräsident in der Zeitung empfohlen hat, die Straßenseite zu wechseln. "Der oberste Polizist war befragt worden, wie sich Bürger ungefährdet durch ihre Stadt bewegen können und seinen Aufruf zur Flucht hatte er damals empört zur Kenntnis genommen." Konservativ ist im Kern auch die Kritik an der Universität. "Die Kulturwissenschaft bringt kein Geld ein, wir haben keine Sponsoren, treiben viel zu wenig Drittmittel auf. Wir gelten als Belastung." Auch die Studenten sind nicht mehr das, was sie mal waren. Sie haben kein Interesse an dem, was sie studieren. Reiche junge Männer klagen ihre Noten mit Geld vor Gericht ein, die jungen Frauen bieten bereitwillig Sex für gute Noten. "Zensuren für Geld oder Sex", sagt Stolzenburg. Der Geist ist vertrieben aus dieser Universität. Ist das die deutsche Wirklichkeit? Oder nicht doch eher ein Zerrspiegel, der konservativ nach der guten alten Zeit sich sehnt?

In diese konservative Sehnsucht Stolzenburgs nach dem Vergangenen gehört selbstredend auch die Kritik an der Ökonomisierung der Gesellschaft. Gegenfigur ist also der Steuerberater, der Cousin einer Freundin Stolzenburgs, der ihn vor der horrenden Forderung des Finanzamts retten soll. Klemenz Gaede heißt der junge Mann. Er glaubt einfach nicht, dass jemand so wenig Geld verdienen kann wie Stolzenburg. Dafür, sagt er, würde er nicht arbeiten. Der Steuerberater erzählt dann, "er habe nach dem abgebrochenen Studium ein Jahr in einer Immobilienfirma in Frankfurt und in London gearbeitet und sich, als er alle Tricks kannte, wie er meint, selbständig gemacht." Jetzt ist er reich durch Finanztransaktionen und immer aktiv, weil auch die Börse ja rund um die Uhr aktiv ist. "Es gibt drei wirklich internationale Feiertage, an denen die Börsen von Tokio bis San Francisco geschlossen bleiben. Aber an allen anderen Tagen muss man früh auf der Matte stehen."

Und genau da liegt eines der kleinen Probleme dieses Romans. Es gibt einfach zu viele Klischees. Gut, Hein spielt gekonnt mit erzählerischen Traditionen. In der Eingangsszene, die sich später listig dann als die Schlussszene entpuppt, sitzt Stolzenburg in einem Billigflieger nach Basel und glaubt während des Fluges, der Propeller bleibe stehen. Später dann findet er den Spielzeugpropeller, den ein freches, kleines Mädchen ihm vor die Füße geworfen hatte. Der bunte Propeller landet auf seinem Balkon. Und er stürzt schließlich von dort in den Matsch, als eine Liebe, die sich Stolzenburg erhofft hatte, endet, bevor sie begonnen hat. Der Propeller als blaue Blume unserer Zeit. Die Eingangsszene als vorweggenommenes Ende. Das alles ist kunstvoll gemacht, die Angst Stolzenburgs beim Blick aus dem Flugzeugfenster vor dem Absturz ist ein deutliches Zeichen. Doch Hein erzählt in diesem Roman so traditionell wie lange nicht. Er erzählt direkt, im Präsenz. Er lässt seine Figuren seitenlang ohne Erzählerkommentar sprechen. Ein reali-stischer Roman. Und da sollte eben auch für Hein gelten, das stimmt, was er schreibt und er nicht einfach Klischees fortschreibt, die die konservative Gesellschaft hat. Natürlich sind die Börsen der Welt nicht nur an drei Tagen im Jahr geschlossen. Und so leicht, wie Spekulant Goede Steuerberater geworden ist, geht es in Deutschland auch nicht. Wer Steuerberater werden will, muss hierzulande sein Studium schon beenden oder doch zumindest nach der Ausbildung zehn Jahre in einem kaufmännischen Beruf gearbeitet haben, bevor er zur Steuerberaterprüfung – die nicht gerade als leicht gilt – zugelassen wird. Auch der entfesselte Finanzkapitalismus verlangt mehr Geist als seine Kritiker meinen.

Auch Elemente des Krimis setzt Hein gekonnt ein in diesem Roman. Stolzenburg bekommt da per Mail Schriften aus dem Nachlass von Weiskern angeboten. Er recherchiert selbst wie ein Detektiv, entdeckt, dass es sich um Fälschungen handelt, meldet sich bei der Polizei, hilft bei der Jagd nach dem Verbrecher. Der wird schließlich überführt und festgenommen. "Das klingt nach einer Räuberpistole", sagt Stolzenburg selbst, als der Polizist mit ihm plant, wie sie den Fälscher überführen. Auch hier, wie in fast allen Konflikten, zuckt Stolzenburg letztlich davor zurück, selbst aktiv zu werden. Es gibt die Sehnsucht nach Sicherheit, niemals den Gedanken, sich selbst zu ändern. Sympathisch wird einem dieser Held nicht. Manuskripte von Weiskern bekommt Stolzenburg später dann doch angeboten, beim Bestechungsversuch eines reichen Studenten, der sich seinen Abschluss erkaufen will. Auch hier ist vieles im Klischee verhaftet, aber es ist spannend erzählt. Auch die neue, junge Elite, die Stolzenburg verachtet, von ihm aber ebenso verachtet wird. Sie "loben den Lebensstil im alten Europa, wenngleich die Arbeitsbedin-gungen, einer lehrt in Singapur, der andere betreut die Niederlassung des Stuttgarter Stammbetriebs in Rio de Janeiro, überall in der Welt besser und anregender seien als hierzulande".

Bei aller Distanz, die Stolzenburg zur Gesellschaft zeigt, wie er sie auch immer wieder in seinen privaten Beziehungen einfordert, ist er nicht der Held, der zur radikalen Gesellschaftskritik aufruft. Er beobachtet, wertet – und wartet ab. Eigentlich ist er eher ein zynischer Zeitgenosse voller Vorurteile. Auch seine Sicht auf die Frauen ist speziell, nicht nur bei der "Fleischbeschau", wenn die Studentinnen des ersten Semesters an die Uni gründlich begutachtet werden. "Eine Beziehung ist eine Freundschaft mit Bettlaken, nicht mehr, allerdings auch nicht weniger." Das ist Stolzenburg. Ein paar Freundlichkeiten, etwas Sex, Nähe auf Verlangen und dabei stets das Anrecht auf ausreichende Distanz.

Hein hat mit Weiskerns Nachlass einen Gesellschaftsroman aus der Perspektive des konservativen Ressentiments geschrieben. Das liest sich leicht, passagenweise geradezu gefällig. Ein guter Schriftsteller ist Hein schließlich, erzählerisch ein Könner. Der Roman wird an keiner Stelle langweilig, und ein größeres Kompliment kann ein Leser einem Autoren kaum machen. Die spannende Frage ist, ob Stolzenburgs Sicht auf die Bundesrepublik des Jahres 2011 auch die Sicht des Autors ist?

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