Goethe ruft an

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 2011
  • Köln: DuMont, 2011, Seiten: 317, Originalsprache
Goethe ruft an
Goethe ruft an
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Wolfgang Franßen
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Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Sep 2011

Tippgeschädigte

Wer wünscht sich nicht den Erfolg? Gerade in der Berufsgattung Schriftsteller ist die Anerkennung das Maß aller Dinge. Ein Autor will herumgereicht werden, auf Lesungen Widmungen schreiben, Preise bekommen. Bücher müssen geschrieben und veröffentlicht werden. Seit längerem quält sich auch der Ich-Erzähler in John von Düffels neuem Roman Goethe ruft an mit etwas "Größerem" herum. Ein Opus Magnum womöglich, wovon es genau handelt , erfahren wir nicht. Dafür lernen wir gleich zu Anfang seinen Kollegen Goethe kennen. Den Überschriftsteller, jenes Genie, dem alles leicht aus der Feder fließt, der Schreibkurse unter dem malerischen Titel "Leichtschreiben" veranstaltet und der vor allem ein begnadeter Selbstdarsteller ist. Wobei die Verwendung des Pseudonyms Goethe wohl darauf hinweisen soll, dass der deutsche Schriftsteller an sich an seinem Übervater, dem Alleskönner leidet.

In  den gelungenen Erzählpassagen erinnert dies mitunter an Thomas Bernhard, der seine Figuren sich selbst entlarven ließ, indem sie endlos über sich selbst schwafelten. Wo bei Bernhard sich tragische Abgründe am Rande zur Komödie auftaten, bringt John von Düffel die witzige Unterhaltung zustande.

Dass der über dem Wasser wandelnde Kollege Goethe ausgerechnet einen in Zweifel verstrickten Schriftstellerkollegen wie den Ich-Erzähler bittet, seinen Schreibkurs im Spreewald zu übernehmen, weil er selber wegen einer Chinareise verhindert ist, wird von diesem erst als Zumutung, schließlich als Auszeichnung betrachtet. Vor allem, weil Goethe in Aussicht stellt ihn mittels der Aufzeichnungen, die er für den Kurs angelegt hat, in das Geheimnis seines Schreibens einzuführen.

Absicht oder nicht, von Düffels Persiflage auf das Leben eines Autors wirkt wie eine Karikatur, deren Witz sich nach einigen Kapiteln tot läuft.  Man wünscht sich, T. C. Boyle hätte sich mit seinem sarkastischen Unterton und seinen absurden Momenten  der Geschichte angenommen. Von Düffel zelebriert das Namedropping. Selbst vor Peter Ustinov und Gründgens macht er nicht halt und natürlich muss die Assistentin des lebenden Goethe ausgerechnet Ekermann heißen. Nur leider zeichnet sich hinter von den Figuren kein Leben ab. So heißen die belächelten Kursteilnehmer Fräulein Rottenmeier oder Hedwig Courths-Mahler, die gleich zum nächtlichen Nachhilfeunterricht auf dem Zimmer des Ich-Erzählers antritt. Man hat es halt nicht einfach als Künstler. Hedwig sucht trotz ihres Erfolges verzweifelt nach den Tiefen in ihrem Werk.

John von Düffel arbeitet in Berlin als Professor für szenisches Schreiben und ist bestens mit dem harten Alltag solcher Kurse vertraut. Und wo ist der Mensch am ehesten bereit, Wahrheiten über sich zu ertragen? In der Komödie natürlich. Wenn er über sich lachen darf. Das wusste Molière schon und das weiß von Düffel als erfolgreicher Bühnenautor auch.

Martin Amis hat in den 90iger Jahren mit seinem Roman Information, über die Konkurrenz zweier Schriftsteller einen fulminanten Roman geschrieben, indem Erfolg und Scheitern des Schreibens nicht wie bei von Düffel operettenhafte Züge widerspiegeln. Sein Witz ist viel doppelbödiger als die bildungstümelnd Szenerie in Goethe ruft an.

Der Autor von Vom Wasser und dem ausgezeichneten Roman Houwelandt unterfordert sich und seine Leser mit dieser wie eine Fingerübung erscheinenden Geschichte. Komödien funktionieren über menschliche Schicksale, die ins Absurde geführt werden und nicht, indem die Bloßstellung als Unterhaltung verpackt wird. Wenn das Komödiantische wie in Goethe ruft an verlacht wird, kommt dabei Halbgares heraus, und man legt lieber gleich auf, wenn Goethe bei einem anruft.

Goethe ruft an

John von Düffel, DuMont

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