Stille Post

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Zürich : Diogenes, 2011, Seiten: 169, Originalsprache

Couch-Wertung:

70
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Rita Dell'Agnese
Kleine Prosa mit großer Aussagekraft

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2011

Was bewegte ihn einst, was denkt er heute darüber? Autor Urs Widmer lässt die Leser teilhaben an einem Zwiegespräch mit sich selber. Dass dies nicht peinlich wird oder in gähnende Langeweile abdriftet, ist dem überzeugenden Wortwitz des Schweizers zuzuschreiben. Stille Post nennt Urs Widmer sein Werk – und dabei ist er ganz und gar nicht still. Was er zu sagen hat, tut er in einer Intensität, der man sich kaum verschließen mag. Es ist jedoch nicht die Zwiesprache des gereiften Urs Widmer mit seinem jüngeren Alter Ego, der dem gerade einmal 168 Seiten umfassenden Werk Gewicht gibt: Vielmehr ist es die gesamte Komposition von Prosa-Texten – teilweise bereits in anderen Publikationen veröffentlicht und zum Teil erstmals einem Publikum zugänglich gemacht.

Doch gerade in der gewichtigen Komposition liegt auch die Gefahr der Widmer´schen stillen Post. Sie verlangt vom Leser die Bereitschaft, sich innerhalb kurzer Momente vom Albtraum auf Rollenspiel oder andere Formen von Gedankenspielereien einzulassen. Und die Texte sind oft nicht ganz so zugänglich, wollen erarbeitet und verarbeitet werden – unter Umständen auch ein zweites Mal gelesen sein, bis sich ihr Sinn vollkommen erschließt. Wer nicht der eigentümlichen und unbestritten helvetisch eingefärbten Wortmelodie verfällt, wird sich mit dem einen oder anderen Text wohl nicht ganz so leicht tun. Widmer gefällt sich nicht nur als Gedankenspieler sondern auch als Provokateur. Wo, wenn nicht just in diesem Werk, könnte er diese Seite so hemmungslos ausleben.

Bestechend ist Widmers Fähigkeit, sein Publikum Teil seines eigenen Albtraums werden zu lassen – und in ihm die gleiche Atemlosigkeit zu wecken, die den Träumenden auf seiner Irrfahrt selber begleitet. Faszinierend ist der Wechsel der Perspektive im Rollenspiel um Macht und Ohnmacht. Durch die gewählte Figur, die der Autor gerade zu Wort kommen lässt, wird Macht sehr unterschiedlich empfunden. Hier lotet Urs Widmer allerdings Grenzen aus und gerät in Gefahr, beim aneinander Reihen der einzelnen Betrachtungen an Tempo und letztlich auch Sprachwitz zu verlieren.

Den besten Bissen spart sich Urs Widmer bis zum Schluss auf - Das Spiel, das dem Buch seinen Namen gegeben hat: Die stille Post. Virtuos schlängelt sich dieser Text durch die Sprachen der Welt, bekommt unerwartete Nuancen, einen sich verändernden Sinn und ein neues Gesicht. Was den Kindern schon in jungen Jahren Freude bereitet, vermag auch das erwachsene Publikum zu belustigen und zu unterhalten. So ist letztlich versöhnt mit dem Buch, wer sich vorher vielleicht hin und wieder schwer getan hat. Nachdenklich und doch erfüllt von einem stillen, inneren Lachen wird man das kleine Werk beiseitelegen, um es vielleicht später wieder in die Hand zu nehmen, an einer beliebigen Stelle aufzuschlagen und sich erneut auf die Wort- und Gedankenspielereien des Schweizer Autos einzulassen.

Stille Post ist eines nicht: ein konventioneller Roman, der eine Geschichte erzählt. Wer solches sucht, wird mit diesem Buch kaum Freude haben. Wem aber Essays Lesegenuss bereiten, wird an dieser Veröffentlichung von Urs Widmer durchaus Gefallen finden. Und die einzelnen Beiträge im Buch können auch als Essays genossen werden – in gut verdaulichen Happen.

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