Jáchymov

  • Fischer
  • Erschienen: Januar 2011
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 270, Originalsprache
Jáchymov
Jáchymov
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Daniela Loisl
88

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2011

Leicht erzählt und doch so beklemmend schwer

Der an Morbus Bechterew erkrankte Verleger Anselm Findeisen fährt nach Tschechien in den Kurort Jáchymov, den ältesten Radiumsol-Kurort der Welt, und begegnet dort der Tänzerin Blanka Modra, deren Vater Bohumil Modrý einst ein Eishockeystar war. Nach und nach erzählt die Tänzerin dem Verleger die ganze traurige Geschichte der tschechoslowakischen Eishockeynationalmannschaft, der ihr Vater als Torwart angehörte. Eine hervorragende Mannschaft, erfolgreich und in der Sportwelt berühmt, stolpert über einen politischen Kieselstein und bringt so einen Felsen ins Rollen, der nicht nur Familien zerstört, sondern auch das Leben Bohumil Modrýs, dem Torwart.

Sprach- und bildgewaltig, aber mit leichter Distanz

Josef Haslinger erzählt von einem bescheidenen jungen Mann der es schafft, mit seinem Eishockeyteam bis in die ganz obersten Reihen des Sports und auch bekannter Persönlichkeiten aufzusteigen und sogar Weltmeister zu werden. Modry ist keine fiktive Figur, sein Leben und alle die schrecklichen Ereignisse der 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, haben sich tatsächlich so zugetragen wie vom Autor erzählt. Wie viele andere wurde auch er Opfer des stalinistisch totalitären Regimes, wurde nach Jáchymov deponiert, um viele Jahre in einem Uranbergwerk zu arbeiten und wurde dadurch so schwer krank, dass er im Alter von nur 47 Jahren starb.

Bohumil Modrý selbst kommt jedoch nie zu Wort, denn seine Erlebnisse und all die Geschehnisse um ihn, werden aus der Perspektive seiner Tochter erzählt.

So hört man einerseits Blanka Modra zu, wie sie ziemlich verbittert das schicksalshafte Leben ihres Vaters schildert und nimmt anderseits teil an den Gedankengängen des Bechterewpatienten Anselm Findeisen, der die Geschichte des außergewöhnlichen Torwarts unbedingt verlegen möchte. Schleichende Übergänge oder auch kurz eingefügte Bemerkungen, fordern die Aufmerksamkeit des Lesers, will ihm kein Perspektivenwechsel entgehen und er so den Anschluss verlieren. Haslingers Sprache ist leicht und fließend, aber dennoch stets den wunden Punkt treffend und so ein ziemlich genaues Bild der damaligen Tschechoslowakei zeichnend. Die leisen Zwischentöne sind es, die einem die ganze Tragik spüren lassen, die in Form politischer Willkür und daraus resultierender jahrelanger Haft und Zwangsarbeit in Modrys Leben Einzug erhält. Modry, den eigentlichen Protagonisten der Erzählung erscheint einem vor dem geistigen Auge und die ganze Ungerechtigkeit, die der so rechtschaffene Mann am eigenen Leib erfährt, erweckt beim Leser ein unfassbares, entsetzliches und beinah lähmendes Gefühl. Dieses Gefühl jedoch basiert auf dem Bewusstsein und Wissen, dass hier Gegebenheiten verzerrt und bewusst falsch interpretiert wurden, um eine ganze Sportmannschaft zu diskreditieren und so auch ein Exempel zu statuieren. So ausgeleuchtet die Ereignisse von Modrys Tochter auch erzählt werden, so bleibt dennoch eine gewisse Distanz erhalten, da man stets nur die Empfindungen Blankas vermittelt bekommt, nicht jedoch in das zerbrochene Innerste von Modry selbst Einblick erhält.

Immenser Tiefgang und dennoch distanziert

Ob Anselm Findeisen oder Blanka Modra, beide Figuren sind mit Fingerspitzengefühl und sehr viel Empathie dargestellt. Zweifellos hat sich der Autor über die bechterewsche Erkrankung kundig gemacht, denn alle Symptome und das Auftreten der Schmerzen des betroffenen sind absolut zutreffend und glaubwürdig in das Leben Findeisens mit eingewoben. Findeisen ist auch die Figur von der der Leser am meisten erfährt. Er ist relativ klar umrissen, seine Ängste, Beweggründe und Hoffnungen werden gegenwärtig.

Bei Blanka muss der Leser sehr genau "zuhören", um bei ihren Berichten zum Leben ihres Vaters  ihren unterdrückten Zorn, ihren Hass auf das damalige Regierungsregime, das ihr schon in jungen Jahren den Vater genommen hat, und die dadurch ziemlich verbitterte Weltanschauung, herauszufiltern.

Bohumil Modry lebt als Figur so, wie der Leser die Darstellungen seiner Tochter interpretiert. Welche seelische Belastung es für ihn war, welch innere Kämpfe er ausgestanden haben muss, ob und wie nahe er am Aufgeben und Zerbrechen war, dies alles bleibt leider im Verborgenen.

Ein Buch mit einer ungewöhnlichen Geschichte auf hohem Niveau erzählt. Dem Leser brennen sich die unfassbaren und ungerechten Ereignisse rund um das tschechoslowakische Eishockeyteam bleibend ein; regt zum Nachdenken an und zeigt eine Welt, die für uns alle weit, weit weg scheint, und in die man durch Bücher wie dieses für kurze Zeit zurückreisen darf, damit dies alles nur ja nicht in Vergessenheit gerät.

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