Gottes Werk und Teufels Beitrag

Erschienen: Januar 1988

Bibliographische Angaben

  • New York: Morrow, 1985, Titel: 'The cider house rules', Seiten: 560, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1988, Seiten: 774, Übersetzt: Thomas Lindquist
  • Zürich: Diogenes, 1990, Seiten: 774, Übersetzt: Thomas Lindquist
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2005, Seiten: 23, Übersetzt: Rufus Beck

Couch-Wertung:

95
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Peter Kümmel
Hat ein Fötus eine Seele?

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mär 2011

Hat ein Fötus eine Seele? Homer Wells meint ja, seitdem er den abgetriebenen Fötus gesehen hat. Deshalb ist für ihn eine Abtreibung "Teufels Beitrag" und er hat sich geschworen, es zwar zu akzeptieren, wenn eine Frau ihr Kind nicht empfangen will, aber niemals selber eine Abtreibung durchzuführen. Dagegen ist für ihn eine Geburt "Gottes Werk".

Für Wilbur Larch hingegen ist sowohl die Geburt als auch die Abtreibung "Gottes Werk", denn wem ist damit gedient, wenn die Armen ihre unerwünschten Kinder zur Welt bringen müssen?

Nun, wer John Irving kennt, der weiß, dass er hier keine wissenschaftliche Abhandlung zu erwarten hat. Auch keine philosophische Betrachtung des Themas. Denn John Irving ist Geschichtenerzähler. Und er ist nicht nur irgendein Geschichtenerzähler, sondern er ist einer der besten. Und Irvings Geschichten sind nicht gerade kurz. Bei 765 Seiten kann man erwarten, eine umfangreiche Geschichte lesen zu können und eine detaillierte Geschichte. Schließlich spielt das Buch in einem Zeitraum von 192- bis 195-. Nein, diese Schreibweise stammt nicht von mir. Sämtliche Jahresangaben im Roman sind in dieser "ungefähren" Form angegeben. Statt "in den dreißiger Jahren" steht dort 193-.

Um mal mit dem Urteil über das Buch zu beginnen: John Irving wird mit diesem Roman sämtlichen Erwartungen gerecht. Mit "Gottes Werk und Teufels Beitrag" hat er ein grandioses Werk abgeliefert, das von vorne bis hinten hervorragende Unterhaltung liefert. Mit seiner klaren und unverblümten Art, Sachverhalte auszudrücken, wobei es mitunter auch mal recht deftig zugeht, würzt er seine Geschichte mit viel Humor und Ironie, selbst traurige Stellen liest man gelegentlich noch mit einem Grinsen.

Irving erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Waisenjungen und seine Entwicklung zum Erwachsenen, gleichzeitig aber auch die Geschichte eines Waisenhauses und seines Leiters. Wie immer packt der Autor soviel in sein Buch, daß es schwerfällt, eine Inhaltsangabe zu geben, die dem Roman gerecht werden kann. Vielleicht enthält auch deshalb der Klappentext keine solche, sondern nur Kritiken.

Deshalb will ich auch gar nicht versuchen, eine genaue Zusammenfassung des Inhalts wiederzugeben, sondern nur kurze Eindrücke gewürzt mit Zitaten aus dem Roman, schildern, die Appetit machen sollen auf das Buch, das soviel zu entdecken bietet.

Wilbur Larch ist der Leiter des Waisenhauses des kleinen Örtchens St. Cloud's in Maine. "Laut Dr. Larch wurde das Holzfällerlager namens Clouds zu St. Clouds, einfach aufgrund des inbrünstigen Drangs hinterwäldlerischer Katholiken, allen möglichen Dingen ein Sankt voranzustellen - wie um diesen Dingen einen Liebreiz zu verleihen, den sie von Natur nie gewinnen könnten. Das Holzfällerlager blieb fast ein halbes Jahrhundert lang St. Clouds, bis der Apostroph eingeführt wurde - wahrscheinlich von jemandem, der vom Ursprung des Lagers nichts wußte. Doch um die Zeit, als es sich zu St. Cloud's wandelte, mit Apostroph, war es eher Fabrikstadt denn Holzfällerlager."

Doch Wilbur Larch ist nicht nur der Leiter des Hauses, sondern auch Gynäkologe. In dieser Eigentschaft entbindet er Frauen, die sein Haus aufsuchen, von ihren Kindern, um diese anschließend dort aufzunehmen und geeignete Pflegeeltern für sie zu finden. Doch dies ist oftmals gar nicht so einfach. Besonders schwierig war dies im Falle von Homer Wells. Nach vielen gescheiterten Versuchen - mal wurde er ständig verprügelt, den Winkles wurde ihre Sportlichkeit zum Verhängnis, sie wurden von treibenden Baumstämmen beim Schwimmen erschlagen - kehrte er immer wieder zurück, bis nicht nur ihm, sondern auch Larch und den rührigen Schwestern Edna und Angela, klar war, dass er einfach "nach St. Cloud's gehörte".

"Homer hatte noch nie gehört, wie Menschen Liebe machen oder wie Elche sich paaren, aber er wußte, daß die Winkles sich paarten. Wäre Dr. Larch zugegen gewesen, er hätte ganz neue Schlüsse gezogen hinsichtlich des Unvermögens der Winkles, Nachwuchs zu produzieren. Er wäre zu dem Schluss gelangt, dass die gewaltsame Sportlichkeit ihrer Paarung jedes verfügbare Ei, jedes Spermium einfach vernichtete oder zu Tode erschreckte."

Doch in seiner Eigenschaft als Arzt führt Dr. Larch auch Abtreibungen durch. Aber er tat dies nur, solange der Fötus nicht "quick" war. "Wenn ein Fötus quick war, so bedeutete es, dass die Mutter ihn sich regen gefühlt hatte, es bedeutete, dass die Mutter etwa über die Hälfte ihrer Schwangerschaft hinaus war, gewöhnlich im vierten oder fünften Monat [...] vor dem Quickwerden war die Abtreibung legal."

Der Leser erkennt zwar eindeutig, welche Meinung der Autor zum Thema Abtreibung selber vertritt, doch drängt er dem Leser diese Meinung nicht auf. Ohne belehrend wirken zu wollen, zeigt er das Für und Wider sehr sachlich auf.

Ich möchte jedoch nicht suggerieren, dass das Thema Abtreibung das einzige Thema - nicht mal das Hauptthema - des Buches ist. Genauso wichtig in diesem Roman ist die Beziehung des Waisenhausarztes zu seinen Heimkindern und insbesondere zu einem der Kinder, nämlich zu Homer, für den er quasi die Vaterrolle einnimmt, ohne ihm dies jedoch mit übermäßiger Liebe, die zweifellos vorhanden war, zeigen zu wollen. Auf elf Seiten Anhang gibt der Autor Erläuterungen zu einzelnen Textstellen. Dabei wird deutlich, dass das Vorbild für die Figur des Dr. Larch Irvings eigener Großvater Dr. Frederic Irving war. Als Gynäkologe hat dieser ein Standardwerk zum Thema Geburtshilfe verfasst, das heute noch gebräuchlich ist. Einzelne Geschichten, die ihm sein Großvater erzählte, hat Irving in seinem Roman mitverarbeitet.

Irvings Figuren sind selten ganz gewöhnliche Menschen, aber sie sind fast durchweg sympathisch und liebenswert. Durch ihre überaus detaillierte Darstellung wirken die Charaktere sehr lebendig. Man kann sich zu jedem, auch zu den Nebendarstellern, ein genaues Bild machen. Unter anderem zu dem verschreckten Bahnhofsvorsteher, der miterleben muß, wie eine Leiche zu Studienzwecken für Dr. Larch angeliefert wird.

Und da ist zum Beispiel Melony, ein sehr grobschlächtiges Mädchen, das ebenso wie Homer im Heim blieb, bis sie erwachsen war. Ein Mädchen, das von einer ständigen Wut geleitet wird und das Homer in die Liebe einführt. Nicht, weil sie sich wirklich lieben, sondern einfach, weil für beide keine andere altersentsprechende Kontaktperson vorhanden ist.

Homer wird immer mehr zum Assistenten von Dr. Larch, bis er sogar selbständig Entbindungen durchführt. Bis er erwachsen ist, ist er zu einem besseren Arzt geworden als manch einer, der eine reguläre Ausbildung genossen hat. Doch da er praktisch nie das Heim verlassen hat, hat sein Wissen auf anderen Gebieten ungeheuere Defizite.

Seine große Chance sieht er gekommen, als ein junges Pärchen das Heim wegen einer Abtreibung aufsucht: Wally und Candy. Wallys Eltern besitzen eine große Apfelfarm - somit wird auch klar, warum auf dem Titelbild des Buches ein roter Apfel dargestellt ist.

Homer begleitet das junge Paar nach Hause zurück, um andere Erfahrungen zu machen. So beginnt er als Pflücker auf der Farm zu arbeiten. Dabei lernt er nicht nur, wie es auf einer Apfelfarm zugeht, sondern er besucht zum ersten Mal in seinem Leben ein Autokino und lernt schwimmen. Und natürlich verliebt er sich auch in Candy, was sich zu einer komplizierten Dreierbeziehung entwickeln wird. Und aus den geplanten zwei Monaten auf der Farm werden Jahre. Doch Dr. Larch gibt seine Bemühungen, Homer zu seinem Nachfolger heranzuziehen, nicht auf.

Oft kritisiere ich es, wenn der deutsche Verlag den Buchtitel nicht übersetzt, sondern ihm einen neuen Titel verleiht. In diesem Falle sind beide Titel sehr gut gewählt
und zutreffend. Der Originaltitel "The Cider House Rules" bezieht sich konkret auf die ausgehängten Regeln im Ziderhaus, dort, wo der Apfelwein gepresst wird. Im übertragenen Sinn bezieht er sich jedoch auf Regeln allgemein, auf Regeln, die wichtig sind, auf Regeln, die in der Gesellschaft einfach vorhanden sind, auf Regeln, die man sich selber macht, die man halten sollte, aber gelegentlich auch mal brechen muß.

In "Gottes Werk und Teufels Beitrag" hat Irving völlig auf seine abstrusen Elemente verzichtet, die doch einige seiner anderen Romane mehr oder weniger dominieren. Man kann zwar nicht von einer 100%-ig realistischen Begebenheit sprechen, doch erwartet man dies ja auch bei Irving kaum. Dabei hat der Autor das seltene Talent, in seine Romane die absurdesten Figuren zu erschaffen und doch mehr Realität in das Geschehen hineinzupacken als dies manch anderem gelingt, der es beabsichtigt. Mit Sicherheit handelt es sich um eine liebenswerte Geschichte, bei der das Lesen auch über fast 800 Seiten hinweg Spaß bereitet, ohne daß man das Ende herbeisehnt. 

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