Porträt eines Süchtigen als junger Mann

  • Fischer
  • Erschienen: Januar 2011
  • New York: Little, Brown and Co., 2010, Titel: 'Portrait of an addict as a young man', Seiten: 222, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 270, Übersetzt: Malte Krutzsch
Porträt eines Süchtigen als junger Mann
Porträt eines Süchtigen als junger Mann
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Wolfgang Franßen
60

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Sep 2011

Man gibt sich zuerst selber auf, bevor einen die anderen aufgeben.

Natürlich verwenden die meisten Autoren ihr eigenes Leben, um daraus ein Buch zu machen, und nicht selten lautet die Antwort auf die Frage, warum sie gerade dieses Buch geschrieben haben: Ich musste es einfach schreiben. In Bill Cleggs Fall mag das angehen, und er hat das Portrait eines Süchtigen als junger Mann aus Selbstschutz, als Therapie gegen den eigenen Verfall gleichsam als Zeugnis von sich zu geben.

In abwechselnden Kapiteln berichtet er von einem Jungen, der nicht urinieren konnte, dessen Mutter kaum vorhanden war, während der Vater überlebensgroß seine Geschicke leitete. Wir begegnen einem erwachsenen Mann, der vor fünf Jahren mit seiner Kollegin Kate eine erfolgreiche  Literaturagentur gegründet hat, und der so viel Vertrauen auszuströmen in der Lage war, dass Autoren mit ihm den Absprung in den Neuanfang gewagt haben. Und nun sitzt er hinter seinem Schreibtisch und wundert sich, dass es da Leute gibt, die auf ihn zählen.

Ein vom Leben hoffnungslos überforderter Süchtiger. Was ist schief gelaufen? Beruflich erfolgreich in einer Liebesbeziehung mit dem Filmregisseur Noah leiert, braucht er das Klicken des Feuerzeugs und das Knacken der Drogen beim Anzünden. Wenn er sein Handy ausschaltet, damit Noah ihn nicht zurückrufen kann, entführt er sich aus dem Leben der anderen und flüchtet vor dem Jungen in sich. Vor dem, der seine "Pinkelei" nicht unter Kontrolle bekam und der gnadenlos vom Vater bloßgestellt wurde. Einem Vater, der ihn zum Arzt schleifte, um seinem Sohn bescheinigen zu lassen, dass er vollkommen gesund sei. Nie wird es später eine Erklärung für das Leiden in der Kindheit geben. Nur der Vater weiß natürlich Rat: 

 

Das ist reine Willenssache. Du musst dich entscheiden. Weiß Gott, was für einen bleibenden Schaden du da unten anrichtest. Was du später mal alles nicht kannst.

 

Wie Väter halt so sind: Sie sorgen sich nur allzu gerne um das Wohl ihrer Söhne. Oder auch nicht. Das Kapitel "Wo" zeichnet buchhalterisch die Ängste nach, die den jungen Süchtigen befallen haben und gegen die er als Erwachsener nicht mehr ankommt. Warum nicht vor dem Jungen in sich davonlaufen?

Wir erleben den Ich-Erzähler am Ende seines Wegs. Freunde und die Familie wollen ihn in eine Entzugsklinik sperren, doch er ergreift immer wieder die Flucht. Ist er zu Beginn seiner Reise finanziell noch halbwegs gut ausgestattet, so dass er sich in Hotels einmieten und den Dealer zu sich bestellen kann, trägt er am Ende den immer gleichen Pullover, für den er sich selbst schämt und nicht mehr in den Spiegel zu blicken wagt.

Es sind die bekannten Geschichten, die Bill Clegg erzählt. Die Selbsttäuschung, das Aufgeben, die Lügen und der Betrug, vor allem die paranoide Angst vor der drohenden, lähmenden Depression, die die Wände um einen her unüberwindbar aufragen lässt. Der trügerische Wahn der Drogensucht ist sicher bei Hunter, Borroughs und Selby literarisch eindrucksvoller in Sprache verwandelt worden. Doch Bill Clegg will vor allem von sich erzählen, von seinem Entkommen. Dies führt streckenweise dazu, dass der Alltag so minutiös als Truggebilde beschrieben wird, dass das bleierne Innere greifbar ist.

Der Horror spiegelt sich in der Ohnmacht des Ich-Erzählers, weniger in der Szenerie wieder. So dass man zur Hälfte bereits ahnt, was als nächstes kommt. Selbst halbverhungert, von den eigenen Ausdünstungen angewidert zündet Bill Cleggs zweites Ich noch eine Pfeife an.  Die Abhängigkeit ist längst so plastisch, dass man seinem Helden eigentlich wünschen würde, dass er nicht mehr ins Leben zurückkehren sollte. Wie will er das Überleben leben? Wenn nicht als Paria des Mittelmaßes? Des Reumütigen?

Dieses Maß der unerbittlichen Selbstbezichtigung haben wir schon mal gelesen.

Porträt eines Süchtigen als junger Mann

Bill Clegg, Fischer

Porträt eines Süchtigen als junger Mann

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