Zu guter Letzt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2011, Seiten: 240

Couch-Wertung:

86

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Wolfgang Franßen
Worüber du nicht reden kannst, darüber musst du schreiben.

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Sep 2011

"Zu guter letzt" kommt der Tod und stirbt man nicht selbst, so hat man das zweifelhafte Vergnügen, an einem Begräbnis teilzunehmen, bei dem während der Zeremonie die Trauer das Bild beherrscht, um spätestens bei Scotch und Kuchen Platz für die eine oder andere Marotte, Anekdote, Lüge oder den für ein paar Stunden unterdrückten Hass und Sarkasmus zu machen. Vor allem, wenn eine Mutter gestorben ist.  Eine Frau wie Eleanor Melrose, deren Familie Edward St Aubyn nun schon in seinem fünften Roman beschreibt.

Die Tote ist noch quicklebendig, in aller Munde und bietet ihrem Sohn weiterhin Anlass, zwischen Zuneigung und Abscheu zu lavieren. Die Trauergäste schwelgen derweil in Erinnerungen, die selbst in ihrer Bösartigkeit unterschwellig Nachsicht üben. Man weiß ja nicht, wann man selber einmal stirbt, und man will schließlich nicht, dass die Leute auch so über einen herziehen. Schon bald spüren wir, Eleanor Melrose ist nicht gestorben, sie wird für viele der Anwesenden ein ständiger Unruheherd bleiben.

St Aubyn versteht es, seine Trauergesellschaft makaber zu umreißen. Er stattet sie mit der Ironie der Selbstentblößung aus. Sie urteilen über andere und entlarven sich selbst. Nicht wenige erkennen in den fünf Romanen um Patrick Melrose den Versuch St Aubyns, seine eigene düstere Kindheit als Mitglied des Hochadels zu verarbeiten. Seit Schlimme Verhältnisse gießt er Spott über die Upper-Class aus und zeichnet die Verletzungen nach, die sie innerlich aushöhlen.

Hinter jedem Lächeln stehen zwei Zahnreihen zum Zubeißen bereit. Hinter jeder absurden Szene wie in Schlechte Neuigkeiten, wo Patrick die Asche seines toten Vaters in einer braunen Papiertüte über die Madison Avenue trägt, ein Leben auf der Suche nach Halt. Gartenpartys wie in Nette Aussichten sind nicht zum Entspannen da, vielmehr um die eigenen Traumata zu pflegen und Giftpfeile stilistisch formvollendet zu verschicken. In Muttermilch, dem viertem Roman der Melrose-Reihe sind nicht Patricks Existenzsorgen das Drama, sondern vielmehr die Hilflosigkeit, der Verlust von Hoffnungen, denen er sich angesichts der eigenen Vaterrolle ausgesetzt sieht. Womit in Zu guter Letzt sich der Kreis zu schließen scheint, als nach dem Vater auch die Mutter stirbt.

Eigentlich ein Befreiungsschlag. Ein Aufschrei könnte ertönen. Eine Last von den Schultern fallen, mit einem letzten Blick ins Grab alles enden. Doch der Autor ist gnadenlos. Er legt ein Netz von Beobachtungen, überspitztem Humor und blankem Zynismus aus. Eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter, möchte man in Abänderung von Gertrude Steins berühmten Rose-Zitat rufen, während man Patrick erst in die Kirche, dann auf die Trauerparty begleitet. Er hört zwar zu, wendet sich aber gedanklich ab, obwohl er den Stimmen um ihn herum nicht zu entkommen vermag.

Die Handlung scheint mitunter still zu stehen. Dem Autor genügt ein Tag, um wie in einem Wassertropfen alles Leben zu splittern. Der stilistisch ausgewogene Sarkasmus eines Oscar Wilde steht da Pate. St Aubyn sammelt Abgründe, seelische Verwerfungen und zeigt keinerlei Lust, die Tiefen entschuldigen zu wollen, die sich auftun. Familie, Freunde der Familie, Bekannte sind das Schlimmste, was einem an einem solchen Tag begegnen kann. Patricks Ausbruch ist längst gescheitert, auch die Flucht in die Drogen. Und so ist unser Held, ob er will oder nicht, ein fester Bestandteil seiner Familie geworden. Verbittert und desillusioniert.

Was die eigentliche Leistung des Romanprojekts offenbart. Sie folgt Patrick Melroses Abstieg vom unschuldigen Kind zum zynischen Erwachsenen, der sich ins Leben festbeißt.

Der 1960 in Cornwall geborene St Aubyn weiß als einziger, wie nah diese Hölle an seinem eigenen Leben liegt. Er zieht mit diesem vermeintlichen Schlusskapitel einen Strich unter Patrick Melrose Leben, das so zerrüttet aufblitzt, dass es vor allem nur an sich interessiert bleibt. 

Dass wir an diesem literarischen Parforceritt erschaudern und das zynische Gift einsaugen, verdanken wir seiner stilistischen Versiertheit. Edward St Aubyn ist der Stilist des vernarbten Lebens.

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