Das Geheimnis der Cellistin

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Paris: O. Jacob, 1993, Titel: 'Les contes d´un psychiatre ordinaire', Seiten: 334, Originalsprache
  • Hamburg: Osterwold Audio bei Hörbuch Hamburg, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: August Zirner
  • München: Piper, 2012, Seiten: 384, Übersetzt: Ralf Pannowitsch

Couch-Wertung:

78
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Kathrin Plett
Psychiatrie fern von Klischees und Vorurteilen

Buch-Rezension von Kathrin Plett Sep 2011

Neun verschiedene Patienten, neun unterschiedliche Krankheiten. Nach außen häufig unsichtbar quälen die Betroffenen dennoch starke Leiden, die ihnen ein normales Leben unmöglich machen und ihnen große Schwierigkeiten bringen. Ob Depressionen, Angststörung, Bulimie, Autismus oder Schizophrenie, François Lelord bietet mit seinem Buch ein breites Spektrum an Einblicken in psychische Erkrankungen, die ansonsten wohl Vielen ziemlich rätselhaft und unverständlich erscheinen werden und dementsprechend mit Vorurteilen und Klischees behaftet sind.

Der 1959 geborene Lelord studierte Medizin und Psychologie und promovierte 1985. Anschließend arbeitete er ein Jahr als Post-Doktorand an der University of California in Los Angeles. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich arbeitete er zwei Jahre in einem Pariser Krankenhaus, bevor er sich 1989 mit einer eigenen Praxis niederließ, die er bis 1996 führte. Seit 2004 arbeitet der mit einer Vietnamesin verheiratete Franzose als Psychiater in Vietnam und lebt abwechselnd in Paris und Bangkok.

Seit 1993 ist Lelord außerdem als Schriftsteller tätig und hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht. Seine Reihe um den Psychiater Hector brachte ihm großen Erfolg und seine Bücher standen wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurden in vierzehn Ländern veröffentlicht. Das Geheimnis der Cellistin war jedoch sein erster Roman. Obwohl die französische Originalausgabe bereits 1993 veröffentlicht wurde, erschien der Roman in Deutschland erst 18 Jahre später. Lelord berichtet in seinem Buch von psychiatrischen Fällen, die ihm selbst zu der Zeit, als er noch aktiv in seiner Praxis und im Krankenhaus tätig war, begegnet sind.

Lelord erzählt in seinem Roman aus der Sicht des Psychiaters. Jedes seiner Kapitel widmet er einem anderen Patienten, geht auf dessen Krankheit ein, schildert dabei sowohl die Sicht des Erkrankten, den Prozess der Diagnose und Therapie sowie einen kurzen Blick auf den weiteren Verlauf. Auch das Bild, welches die Angehörigen, Freunde und Bekannten des Erkrankten haben, ihre Sorgen und Ängste - häufig auch ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung - beschreibt er einfühlsam und nachvollziehbar. Auf diese Weise kommt er seinem Anliegen, dass sein Buch "zu einem genaueren Bild von der Psychiatrie beitrage, es die bedürftigen Menschen dazu bringe ohne Scheu einen Psychiater zu konsultieren und es ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen den Patienten und ihren Familien fördere", sehr nahe. In seinem ersten Kapitel beschreibt er die Geschichte einer jungen Cellistin, die auf den ersten Blick unter einer Angststörung zu leiden scheint, da sie sich nicht mehr allein aus dem Haus traut und mit ihrem Alltag zunehmend überfordert wird. Nach und nach wird klar, dass hinter der Angststörung eine ganz andere Ursache steckt, die erst zum Vorschein kommt, als die Frau immer mehr in der Lage ist am normalen Leben teilzunehmen und beginnt, sich auch für andere Menschen zu öffnen. Auf ebensolche Weise geht Lelord auch in seinen weiteren Kapiteln vor. Er geht detailliert auf die einzelnen Krankheiten ein, beschreibt ihre Ursachen und Symptome, die zunächst auf Außenstehende relativ befremdlich und oftmals auch erschreckend und nicht nachvollziehbar wirken mögen. Durch seine Erklärungen wird schnell deutlich, in welcher Situation sich seine Klienten befinden, welche Faktoren zu ihrem Leiden beigetragen haben und das eine erfolgreiche Therapie auch in scheinbar hoffnungslosen Fällen Besserung oder sogar Heilung bringen kann.

Ohne medizinisches Wissen vorauszusetzen, erklärt er die organischen oder psychosozialen Zusammenhänge. Dass psychische Erkrankungen, die sich überwiegend durch Verhaltensweisen und Gemütszustände der Betroffenen äußern, häufig organische Ursachen haben, dürfte so manchen überraschen und zu neuen Erkenntnissen und einem anderen Verständnis der Krankheiten führen.

Durch seine Mischung aus Fiktion und Sachbuch liest sich das Buch interessant und erinnert kaum an ein Sachbuch. Auch wenn die vorgestellten Patienten einem realen Vorbild entsprechen, auf welches der Autor während seiner Arbeit gestoßen ist, sind es im Roman doch fiktive Figuren, die schon allein aus Gründen der Privatsphäre verändert wurden.

Alles in allem ist Das Geheimnis der Cellistin ein interessanter und kluger Roman, der im Schatten der Hector-Reihe kaum beachtet wurde. François Lelords ist somit ein Werk gelungen, welches gleichzeitig unterhaltsam und gut lesbar ist, aber genauso viele Informationen bietet. Sowohl psychologisch Interessierten als auch Betroffenen und ihren Angehörigen und Freunden ermöglicht er auf diese Weise Einblicke, die zu mehr Verständnis beitragen. Die Vorurteile abbauen und vor allem Hoffnung machen, dass auch bei noch so aussichtslos erscheinenden Fällen gute Chancen auf Besserung oder gar Heilung besteht.

Das Geheimnis der Cellistin

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