Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte

Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte
Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte
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Monika Wenger
881001

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2026

Gerade die Distanz bringt unerwartete Nähe.

Sie wohnen auf demselben Stockwerk eines Mietshauses und könnten nicht unterschiedlicher sein. Da ist der stets gepflegte Geschäftsmann Sándor und die Ich-Erzählerin, eine Umweltaktivistin. Mit der Zeit entsteht dennoch eine engere nachbarschaftliche Beziehung zwischen ihnen, ohne sich dabei wirklich nahezukommen.

Die Wissenschaft und die Realität

Gerade als die Ich-Erzählerin in die neue Wohnung einzieht, verlässt die Lebensgefährtin ihren Nachbarn. Dieser Umstand lässt die neue Mieterin darüber nachdenken, welche Gründe es wohl gegeben haben könnte. Erst viel später erfährt sie, dass der Nachbar beim Auszug seiner Partnerin nicht zugegen war. Zunächst bleibt es, wenn der adrette Geschäftsmann mal zu Hause ist, bei einem kurzen Gruss. Erst mit der Zeit ergeben sich längere Gespräche, und da die Pandemie soziale Kontakte einschränkt, findet eine zaghafte Annäherung statt.

Die Nachbarin bemerkt, vor allem wenn Sándor länger geschäftlich abwesend war, dass sich sein äusseres Erscheinungsbild verändert hat. Nach längerem Umschiffen der Wahrheit stellt sich tatsächlich heraus, dass er erkrankt ist. Über seine Krankheit möchte er nicht reden, er scheut die Tatsachen. Als ob das Ignorieren die Sache besser machen würde, denn sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Sein Vertrauen gilt den Ärzten und der Wissenschaft. Er ist überzeugt, dass sich ein Mittel finden wird, mit dem er die Krankheit besiegen kann.

«Ein Unfall hatte sich ereignet, etwas, was man eine schwere Erkrankung hiess. Eine Art lästiger Zwischenfall. Befristet. Deshalb hatte er sich, an der Seite von Ärzten, die gleichzeitig auch ehrgeizige Forscher waren, auf einen Weg begeben müssen; gemeinsam schritten sie nun ohne längeres Verweilen vorwärts in der weiten Ebene, die einen Prozess des Lebens mit einem Prozess des Sterbens verbindet.»

Faszinierende Präzision

Der Roman von Catherine Lovey besteht aus fünfundvierzig Kapiteln, in denen die Ich-Erzählerin ihren Gedanken nachgeht. Sie sinniert über das Leben und die Umwelt im Allgemeinen sowie ganz besonders über die Bedeutung von Freundschaft. Loveys Sätze sind Schachtelsätze, in denen sie die sprunghaften Gedankengänge der Erzählerin festhält. Diese sich windende und viele Eindrücke gleichzeitig festhalten wollende Erzählweise sorgt für eine überraschende Tiefe der Aussagen und der Gefühle.

«Er hatte vielmehr vor allem die unerbittliche Trennlinie im Auge, hier die überwiegende Mehrheit der Menschen, die gute Gründe hat, den Behörden nicht zu vertrauen, dort eine Handvoll Marsmenschen meines Stils, die den Luxus geniessen, sich der Macht gegenüber so zu verhalten, als ob dieses Wort nicht tatsächlich von Menschen aus Fleisch und Blut verkörpert würde, besessen von Kontrolle und ihrer Machtfülle.»

Dabei entsteht beim Lesen eine besondere Beziehung zu den beiden Figuren. Auch wenn der gebürtige Ungar eloquent durchs Leben geht, hinterlässt er bei seiner Nachbarin zwiespältige Gefühle. Offensichtlich ist er trotz seiner Weltgewandtheit nicht in der Lage, sich persönlich einzubringen. Und genau dieser Abstand zu allem zieht sich durch die Erzählung und fasziniert durch die sprachliche Präzision der Autorin.

«Instinktiv spürte ich, dass er das alles nicht mit Absicht tat. Dass er nicht hinter Allerweltswörtern in Deckung ging, um sich bewusst von der Realität zu entfernen.»

Fazit

In Catherine Loveys Roman geht es um einen Mann, der irgendwie losgelöst von allem scheint. Er ist jedoch weder abgehoben noch weltfremd. Seine Beziehung zu seiner Nachbarin ist eine Form von Freundschaft und vielleicht der Beginn einer möglichen Liebe. In jedem Fall ist es die Begegnung zweier Menschen, die sich charakterlich bereichern und die Nähe auch in der Distanz finden. Die tiefsinnige und dennoch distanzierte Erzählweise fesselt und hallt noch sehr lange nach.

Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte

Catherine Lovey, Edition Bücherlese

Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte

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