Zu spät gestellte Fragen und die Schuld des Verschweigens
Die 19-jährige Liesel hat es nicht leicht. Statt wie andere junge Erwachsene nach bestandenem Abitur mit viel Elan und Lebensfreude in ein selbstbestimmtes Leben zu starten, kümmert sie sich um ihre seit Jahren in Lethargie verfallene Mutter Melanie, jobbt in einer Autowaschanlage und organisiert beider Alltagsleben. Liesel überfordert das Leben mit ihrer Mutter, sie fühlt sich jedoch verantwortlich für sie, denn allein scheint Melanie lebensunfähig zu sein. Großgezogen wurde Liesel praktisch von ihrer Großmutter Emmi, die bis vor einigen Monaten auch mit ihnen in der gemeinsamen kleinen Wohnung lebte. Aufgrund ihrer zunehmenden Demenz wird Emmi nun jedoch in einem Seniorenheim betreut.
„Du willst was über deine Familie erfahren? Dann hättest du dich eher darum kümmern sollen. Jetzt ist es zu spät.“
Emmi hat immer viel von der Schönheit ihrer früheren Heimat Ostpreußen erzählt. Schon lange plant Liesel daher, einmal selber dorthin zu reisen und den Erinnerungen Emmis nachzuspüren. Nie gesprochen wurde dagegen über die Geschichte der Familie. Liesels Vater war offenbar eine Zufallsbegegnung Melanies und nicht der Rede wert. Über ihre Flucht in den Westen, die Jahre danach und über Liesels Großvater spricht die Großmutter jedoch nie.
Als Jascha, der junge polnische Pflegepraktikant im Seniorenheim, Liesel spontan anbietet, sie im Auto bis Danzig mitzunehmen, willigt Liesel ein, trotz ihrer Sorge, dass Melanie allein nicht zurechtkommen könnte. Jascha drängt Liesel, die Großmutter mitzunehmen, damit beide die ihnen verbleibende gemeinsame Zeit nutzen. In einem alten, geliehenen Lada fahren die drei schließlich nach Polen. Vor der herrlichen Kulisse der polnischen Ostseeküste schildert die Autorin mit viel Einfühlungsvermögen und feinem Humor den Roadtrip der ungewöhnlichen Reisegruppe. Doch so wohltuend die Erlebnisse unterwegs für alle sind, Liesel kommt bei Emmi mit ihren Fragen nach der Familiengeschichte nicht weiter.
„Ich glaube, ich hätte das alles gerne nie erfahren.“
Nach ihrer Rückkehr lässt sich die Vergangenheit jedoch nicht weiter verschweigen und Liesel erhält die lange gesuchten, wenn auch unerwarteten, Antworten. Diese lassen sie ganz neu auf ihre eigene Geschichte blicken, werfen aber auch belastende Fragen nach Schuld und den Möglichkeiten für Vergebung auf.
Die Autorin hat die Handlung kraftvoll inszeniert; durch den überraschenden Verlauf hält sie die Spannung bis zum Schluss aufrecht. Ein großer Pluspunkt des Romans sind die durchweg gelungenen Charaktere, allen voran die überzeugende Protagonistin Liesel. Beeindruckend schildert die Autorin an ihrem Beispiel wie bedeutsam und prägend die Entscheidungen und Erlebnisse früherer Generationen für das eigene Leben sind. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass das Wissen um die Traumata vergangener Zeiten uns ermöglicht, sich ihnen zu stellen und sie zu überwinden.
Fazit
Die Geschichte einer starken jungen Frau, die sich auf den Weg in die ehemalige Heimat ihrer Großmutter macht und so Antworten auf die Fragen nach ihrer eigenen Herkunft sucht. Ein bewegender Roman und ein rundum überzeugendes Debüt!



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