Literatur als Code für eine zarte Geschichte.
Im Mittelpunkt dieses Romans stehen zweifellos Vera und Hans. Die beiden wären sich ohne die Wanderbücherei nicht nähergekommen. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Sie dürfen auf keinen Fall auffallen, denn die Machthaber haben ihre Augen und Ohren überall.
Erneuern und erinnern
Es ist der Restauratorin Sophie zu verdanken, dass die Geschichte von Vera und Hans entdeckt wird. Bei ihrer Arbeit am alten Triebwagen D1.6 Rathgeber aus dem Jahr 1912 stößt sie in einer Schublade auf einen abgenutzten, mit Leinen eingefassten Band mit dem Titel „Ausleihe“. Von da an gilt Sophies Interesse nicht nur dem Tramwagen der ehemaligen Wanderbücherei Münchens, sondern sie will mehr über die Arbeit in der ungewöhnlichen Straßenbahn erfahren. Allerdings wird Sophies Begeisterung durch die Begleitung des Filmemachers Fabian gebremst. Für den Dokumentarfilm soll er jeden Arbeitsschritt festhalten. Deshalb ist die Zusammenarbeit konfliktgeladen und wird für Sophie zu einer Lektion in Teamarbeit.
Mit etwas Glück lernt sie die betagte Charlotte Burger kennen. Sie ist die Tochter der ehemaligen Bibliothekarin der Wanderbücherei, Frau Schönfeld. Frau Burger erinnert sich an die Arbeit ihrer Mutter im Tramwagen und daran, wie gefährlich es im Jahr 1937 war, gewisse Autoren zu lesen. Die Bibliothekarin hatte jedoch ihre eigene Methode, die verbotenen Bücher unter die Leute zu bringen. So lernen sich Vera und Hans über die Wanderbücherei näher kennen.
„Der Tucholsky, denkt er, dieser Schelm. Alle lieben doch. Immer. So schlecht können die Zeiten gar nicht sein. Im Gegenteil: Wenn’s gar zu trüb wird, dann wäre ein bisserl Liebe schon eine schöne Sache.“
Und weil Frau Schönfeld ein grosses Herz hat, spielt sie in den düsteren Kriegsjahren sozusagen den Postillon d’Amour für das junge Paar. Eine riskante Angelegenheit, die durch die Tatsache, dass Veras Mutter Jüdin war und Hans ein Sozialist ist, noch gefährlicher wurde. Entsprechend mussten alle Beteiligten darauf achten, dass ihr Handeln nicht auffiel.
Leicht und literarisch
In der Gegenwart spielt der Triebwagen D1.6 Rathgeber der Münchener Verkehrsbetriebe die Hauptrolle. Die Trambahn fuhr von 1928 bis 1970 als Wanderbücherei durch München und ermöglichte die Ausleihe von Büchern. Montassers Interesse für die Restaurierung zeigt sich in den detailreichen Beschreibungen der anstehenden Arbeiten. Gleichzeitig bleiben die Protagonisten dieser Zeitebene eher blass. Ihr Handeln hat irgendwie wenig bis gar keine Folgen. Sophies Unstimmigkeiten mit dem Filmemacher sind nur ansatzweise ausgearbeitet und sind nicht wirklich relevant für den Rest des Romans.
Die andere Zeitebene befasst sich mit der Zeit zwischen 1937 und 1949, in der die Wanderbücherei für zwei Verliebte zum einzigen Zufluchtsort wird. Diese Figuren vermitteln echte Gefühle und Zivilcourage. Ihr Handeln ist, durch die Augen der Liebenden gesehen, nachvollziehbar.
Der Roman beschreibt abwechselnd die Ereignisse in den unterschiedlichen Zeitabschnitten. Der Autor legt den Schwerpunkt bewusst auf die Liebesgeschichte und behandelt die politischen Umstände nur am Rand. Das trägt zum Ton der Erzählung bei. Sie wird leicht, zart und einnehmend.
Fazit
Es ist eines dieser Bücher, die das Herz einfach erwärmen. Mutige und einfühlsame Menschen bleiben dabei ein Lichtblick in einer düsteren Zeit. Die Liebesgeschichte verdeutlicht zugleich, wie Bücher Schutz, Mut und Verbindung schaffen.



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