Haben Sie das von Georgia gehört?

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 319, Übersetzt: Rainer Schmidt

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Britta Höhne
Liebevolle Geschichte und ätzende Gesellschaftskritik

Buch-Rezension von Britta Höhne Sep 2011

Haben Sie das von Georgia gehört? Nein, noch nicht. Aber gleich geht es los - mit dem Lesen, weil allein der Titel Großartiges verspricht. Dabei hält Mark Childress sein Versprechen fast immer. Der neueste und insgesamt siebte Roman des US-amerikanischen Schriftstellers ist liebevolle Geschichte und ätzende Gesellschaftskritik zugleich.

Erzählt wird das Leben der Georgia Bottom, ihrer verwirrten Mutter Little Mama und ihrem mehr im Knast als daheim lebenden Bruder Brother. Nicht, dass diese Mischung schon für genug Furore sorgen würde, nein, es gibt noch sechs Männer in Georgias Leben. Für jeden Tag einen, außer montags. Den nimmt sie sich frei. Um sich zu erholen von ihrem geschickt aufgebauten Lebenslügen-Konstrukt und um dem Knoblauch-Mief ihrer Sonntagsbegegnung zu entkommen.

Georgia bezeichnet sich nicht als Prostituierte. Zwar bekommt sie von den hoch angesehenen Herren der Kleinstadt namens Six Points, in Alabama gelegen, nach jedem Abend in ihrem Appartement Geldgeschenke, aber sie bittet nicht darum. Vielmehr glaubt die Südstaatenschönheit, rette sie die Ehen der Männer, die ohne ihr Liebeszutun und ohne ihr großes Herz längst kläglich gescheitert wären.

Über Jahre hinweg hält sie ihr Lügengerüst aufrecht und versorgt mit ihrem Einkommen die Familie. Bis eines Tages Mister Saturday Night, der Pfarrer der First Baptist Church des Ortes, ins Schwanken gerät und Georgia – in die Ecke gedrängt – die Flucht nach vorne antritt. Oder besser nach unten: Simuliert sie doch einen rettenden Ohnmachtsanfall.

Childress Roman ist eine Absage an die Gleichgültigkeit. Zwar lebt Georgia alles andere als ein züchtiges, prüdes, den anderen Romanfiguren ähnlich anmutendes Leben, aber sie ist das, was als "Seele von einem Menschen" bezeichnet werden könnte. Regelmäßig sorgt sie sich um ihren Bruder, der sowohl dem Alkohol als auch der Kriminalität verfallen ist, kümmert sich um ihre Mutter, die in einem Nebel von Gedanken zu leben scheint und aus ihrem Hass gegen Schwarze keinen Hehl macht. Da ist die Bürgermeisterin Krystal, die sich nach einem  Terroranschlag, für den "Bin Soo" verantwortlich gemacht wird, auf Georgia verlassen kann und ihre sechs Männer. Für die sie eigens je nach Bedürfnis das Liebesnest umdekoriert. Sie lässt sich auf ihr Umfeld ein: Gibt die Scarlett, aus vom Winde verwehrt, einen Cowboy mit vulgärem Ausdruck oder die elegante Dame längst vergangener Zeiten.

Haben Sie das von Georgia gehört? ist, neben seiner Feinheit (besonders der sprachlichen, der Dank für die deutsche Ausgabe gilt Übersetzer Rainer Schmidt) und seinem beißenden Humor, auch ein Eintauchen in die vermeidliche Welt der Amerikaner: Konsum orientiert, dauernd redend, nichts sagend, verlogen christlich, verklärt, verklemmt, alles andere als weltoffen. Und dumm. So wird etwa die Gruppe der  Anonymen Alkoholiker – AA – als hoch kriminelle Terrorzelle eingestuft.

Childress bringt die Oberflächlichkeit seiner Landsleute ans Tageslicht, listet auf, was ihnen wichtig zu sein scheint: Campbell-Konserven, Starbucks, gekonnt geschminkte Maybelline-Wimpern, Walmart, McDonalds. Einem der Pastoren verpasst der Autor den Namen Colgate. Brent Colgate. Um sich im Anschluss darüber lustig zu machen, dass er in der Drogerie nicht zur Colgate-Zahnpasta greift, sondern ein anderes Produkt bevorzugt.

Und zwischen all der Scheinheiligkeit bewegt sich Georgia. Entzieht sich nicht ihres gleichen und ist doch so anders. Seit ihrer Kindheit etwa begeistert sie sich für Ameisen. Sie ist fasziniert vom Leben dieser fleißigen Winzlinge. Beobachtet deren soziale Strukturen, überträgt diese auf die Menschen. Und bleibt letztendlich enttäuscht zurück. Der Menschheit wegen - nicht der Ameisen. 

Die geraffte Jagt durch die Geschichte des Landes scheint ebenfalls wie beiläufig erzählt. Sie folgt keiner besonderen Logik. Dinge geschehen einfach und belegen in Nebensätzen, dass das Tempo der Südstaaten ein anderes zu sein scheint. Rassenressentiments halten noch immer vor, die Technik, wie Mobiltelefone ("Wussten Sie, dass es in Mobile Handys gibt?") und schnelle Internetverbindungen lassen auf sich warten. Dabei ist Little Mama das personifizierte Überbleibsel einer Zeit, die längst Vergangenheit sein sollte – im 21. Jahrhundert. Ihr wird in den Mund gelegt, was andere denken, aber nie zu sagen wagen. Das ist gut gelöst, da Little Mother aufgrund ihrer Demenz nicht mehr Ernst zu nehmen ist. Oder vielleicht doch?

Auf den ersten Blick ist Mark Childress ein komisches Buch gelungen. Auf den zweiten, der unbedingt getätigt werden sollte, ist das Buch politisch und legt sich sowohl mit der Gesellschaft als auch mit der Kirche an. Mit der offensichtlichen Treue der Menschen in Six Points zu ihrer Gemeinde und deren Liebe zu Gott. Die Kirchgänge allerdings haben nur eines zum Inhalt: Sehen und gesehen werden. Um bösen Tratsch den Garaus zu machen, oder – wenn alles gut läuft – den Tratsch über die Kanzel in die Welt zu tragen. Das etwa hat Georgia getan. Sie hat sich aus all ihren Zwängen befreit und sich auf diesem Wege ein neues Leben verschafft.

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