Kaskaden

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Aliza Bergmann
931001

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2026

Studieren in den 20ern but let´s be real.

Im Labor fühlt sich Jojo am wohlsten: die sterile Routine gibt ihr Halt in ihrem Molekularbiologie-Master, in ihrem Leben, in dem sie sich ansonsten ziemlich fehl am Platz fühlt. Denn sie kauft ihren Kaffee im billigen Kiosk statt im Hipster Café auf dem Campus, sie muss jeden Monat darauf hoffen, dass das Bafög pünktlich auf ihrem Konto eintrudelt, um die Miete zu bezahlen, weil ihre Eltern sie nicht unterstützen können. Es scheint, als könne sie ihrer Jugend in der tristen Vorstadt nicht entkommen. Und dann taucht plötzlich auch noch eine DVD auf, mit einer Nachricht ihrer ehemaligen besten Freundin Yara, die sie damals unerklärt fallen ließ. Die Erinnerungen an diese Freundschaft verweben sich mit ihren aktuellen Beziehungen zu ihrer Mitbewohnerin Melle – und zu Jakob, der plötzlich im Labor auftaucht und ihren Schutzschild vielleicht durchbrechen könnte.

„Und dann gibt es Menschen wie mich: die Zwischentöne. Die, die nirgendwo reinpassen.“

Louise K. Böhm schreibt in ihrem Debutroman über Freund*innenschaft, Beziehungen und Klassismus im Bildungssystem und fängt dabei auf beeindruckende Weise den Zeitgeist ein. Die Handlung wirkt wie direkt aus dem Leben einer Studentin in ihren 20ern gegriffen – und doch zeigt sie auch die unästhetischen Seiten der 20er, des Studiums, des sich im Erwachsenwerden Zurechtfindens.

Besonders deutlich macht die Handlung zudem wie privilegiert die meisten von uns doch sind. Über das Thema Klassismus, unausgesprochene Verhaltensregeln, Beziehungsnetzwerke und die Hürden für Menschen aus weniger privilegierten Familien klärt die Autorin auch auf ihrem Instagram Account @louschreibt_ auf.

Kaskaden verwebt auf beeindruckende Weise vergangene und aktuelle freundschaftliche und romantische Beziehungen der Protagonistin und ihre sich nach und nach ändernde Sichtweise darauf. Der Roman zeigt auch, dass es okay ist, wenn Beziehungen sich mit der Zeit verändern, in die Brüche gehen, neue hinzukommen.

„In Unterwäsche und Socken dazu tanzen, bis man außer Atem ist.“

Die größte Stärke des Romans ist vermutlich die fesselnde und realistische, sehr moderne Schreibweise. Studierende und Gen Z werden sich hier gesehen, unterhalten, verstanden fühlen. Die Gegenstände Freund*innenschaft und Klassismus wurden gut aufgearbeitet, Ergebnis ist ein leichter Roman mit doch viel Tiefgang. Man merkt, dass die Autorin sich Mühe gegeben hat, große Themen wie Mental Health realistisch darzustellen: zu zeigen, dass sich das Leben durch positive Beziehungen aller Art verändern kann, aber auch nicht alles dadurch sofort weggeht, man lernen muss damit zu leben. Dennoch gab es ein, zwei Punkte, bei denen mir die Auflösung dann doch zu leicht und zu schnell ging – aber auf andere Weise hätte dies wohl auch nicht mehr zur Kurzweiligkeit des Buchs gepasst.

Fazit

Ein beeindruckendes Debut, das es schafft, zugleich ein realistisches und unterhaltsames Bild einer Studentin in ihren 20ern zu geben, aber auch Freund*innenschaft, Mental Health und Klassismus aufarbeitet. Ich kann nur auf das nächste Buch von Louise K. Böhm hoffen!

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