Sommer 24
- Carl Hanser
- Erschienen: Februar 2026
- 0


Der Rückblick auf das Heute.
Navid Kermani, einer der bekanntesten Publizisten und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, das die politische und vor allem auch persönliche Situation im Sommer 2024 abbildet. Das Werk wird nicht durch eine durchgehende Handlung bestimmt, eher durch Begegnungen, die ihn so stark berührt haben, dass er darüber schreiben und sinnieren musste.
Ein Selbstmord
Den Galeristen Rudolf Meyer hat Kermani mal als ein Freund bezeichnet, bis unüberbrückbare politische Differenzen auftraten, die die Beiden voneinander entfernt hatten. Nur durch einen sporadischen Anruf erfuhr der Autor, von dem Vorhaben Rudolfs, sich das Leben zu nehmen. So kam ein letztes Treffen zustande, bei dem mehr die gemeinsame Gedankenwelt und ihre ehemals freundschaftlichen Gefühle füreinander im Mittelpunkt standen, als ihre konträren politischen Ansichten. Rudolf, der sich in seinen Äusserungen und Verhalten zunehmend rechtsextrem verortete, vielleicht als Provokation, vielleicht wirklich gewollt, gibt seiner Umgebung nur noch Rätsel auf. Kermani versucht sich in seine Verirrungen einzufühlen, aber seine Kritik an ihm ist offensichtlich. Trotzdem ist er bei seinem Ende bis zum Schluss bei ihm.
Die Hochzeit
Eine Begebenheit der anderen Art ist die Hochzeit der Tochter seines Schulfreundes Olaf, die denkwürdiger nicht sein kann. Olaf, ein Revoluzzer, der keine nennenswerten Erfolge im Leben vorweisen kann, aber eine Tochter hat, deren Mutter mit einem Juristen als Mitglied einer Grosskanzlei verheiratet ist, könnte man eine tragische Figur nennen, wenn er es selber so sehen würde. Aber das ist nicht der Fall, er ist eher ein Mensch mit Prinzipien, die sich auf Umweltschutz, Menschlichkeit und politischer Correctness bezieht. So ist die Reise nach Hydra, wo die Hochzeit stattfindet, für den Autor und Olaf eine gefühlt unendliche Reise, weil sie möglichst CO2-frei sein sollte. Die Hochzeit selbst war zwar geprägt von Reichtum, aber auch von großem multikulturellem Spass, der bis auf den afrikanisch stämmigen Priester, ein einziges Glücksversprechen war. Mit der Schilderung der Hochzeit hat Kermani kleine Geschichten eingeflochten, die die beteiligten Menschen weiter charakterisieren. So war die Braut haarscharf dem Tod entronnen, als der LKW mit Anis Amri am Steuer auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zahlreiche Menschenopfer gefordert hat. Als Medizinstudentin hat sie Verletzten geholfen, aber die Situation hat sie traumatisiert. So gibt es immer wieder kleine Episoden, in denen sich Kermani verliert und in die der/die Leser/in sich mühevoll zurück finden muss.
Da Kermani sich schriftstellerisch für eine Rede anlässlich der Verleihung des Thomas Mann Preises mit dem Giganten auseinandersetzt, sind auch immer wieder vergleichende bzw. analoge Betrachtungen zu ihm in den Text eingegangen, die manchmal auch verwirrend sind.
Tigray
Der Autor nimmt auf Reisen seine Beobachtungen auf und verarbeitet sie in seinen Büchern. In Äthiopien erfährt er furchtbare Details des Bürgerkriegs. Folgen dieses Krieges sind unterfinanzierte Krankenhäuser mit Medikamentenmangel, Mangel an Ärzten und Geräten. Unterernährte Frühgeburten sind für ihn dermassen beeindruckend, im negativen Sinne, dass er die Ungerechtigkeit in dem Ort der Geburt anprangert, zumal er selbst als Vater eines Frühchens den Luxus der Medizintechnik der westlichen Welt nutzen konnte.
Die 2. Vergewaltigung
Angefangen hat es als Kneipengespräch. Eine junge Frau hat dem Autor aus einer sehr emotionalen Situation heraus von ihrer Vergewaltigung erzählt. Diese Geschichte hat Kermani in einem Werk verarbeitet, ohne die junge Frau erkennbar zu machen. Nach 20 Jahren behauptete diese Frau, durch den Roman ein zweites Mal vergewaltigt worden zu sein. Diese Behauptungen stellen den Schriftsteller vor die Situation, sich als Schriftsteller erklären zu müssen. Er rechtfertigt sein Werk, aber nicht sehr wirkungsvoll, da die junge Frau in psychiatrischer Behandlung ist und keinerlei Argumentation folgen kann. Diesem Ereignis wird so viel Raum in diesem Werk gewidmet, dass ich dem nicht mehr folgen wollte.
Navid Kermani konnte sich in diesem Werk wohl nicht entscheiden, wird es ein Roman, ein Essay oder eine Nebeneinander von persönlichen Eindrücken, Gedanken und weltpolitischen Betrachtungen. Er springt von den vier Leitthemen zu Thomas Mann (Zauberberg) zu dem Dramaturgen Antonin Artaud (der neun Jahre in Nervenheilanstalten sass) zu Gaza, Sudan, Trump und seiner Politik. Dieses Nebeneinander der Schilderungen ist etwas chaotisch, die wenig zusammenhängenden Sachverhalte lassen mich ein wenig ratlos zurück. Vereinzelte Geschichten haben mich beeindruckt, sie hätten sicher zu einem Roman ausgebaut werden können.
Fazit
Sommer 24 ist der Versuch, persönliche Erfahrungen mit der Weltpolitik in einen Zusammenhang zu bringen. Der Versuch ist leider missglückt.


Deine Meinung zu »Sommer 24«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!