Die Manufaktur der magischen Worte

  • Heyne
  • Erschienen: April 2026
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Die Manufaktur der magischen Worte
Die Manufaktur der magischen Worte
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Monika Wenger
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Belletristik-Couch Rezension vonJun 2026

Sind wir der Welt unsere Geschichte schuldig?

Monica hätte sich für den neunzigsten Geburtstag ihrer Grossmutter gerne etwas ganz Besonderes gewünscht. Da ihr jedoch nichts Aussergewöhnliches einfällt, bleibt es beim gewohnten Ritual, dem Besuch ihres Lieblingsrestaurants. Beiläufig macht die Grossmutter eine Bemerkung über ihre Cousine Meng, mit der sie in ihrer Jugend in Shanghai eng verbunden war. Meng ist dort geblieben, während Monicas Grossmutter ihre Heimat verlassen hat. Seither ist der Kontakt unterbrochen. Für Monica ist dies die zündende Idee und sie beginnt die Suche nach Meng, die über ein Jahr dauern wird.

Der letzte Bleistift

Monica Tsai ist bei ihren Grosseltern aufgewachsen, die sie abgöttisch liebt. Sie ist schüchtern, lebt zurückgezogen und verliert sich gerne beim Programmieren. In diesem Bereich ist sie bewandert, im Gegensatz zu den vielen Nuancen im Zwischenmenschlichen. Doch die Nachricht, dass ihre Suche einen Treffer gelandet hat, löst Begeisterung in ihr aus. Eine junge Frau meldet sich bei Monica und überreicht ihr einen Bleistift von Meng, der für ihre Grossmutter bestimmt ist. Allerdings scheint die Grossmutter Monicas Begeisterung nicht zu teilen. Immer wieder versucht sie, ihre Enkelin von weiteren Nachforschungen abzuhalten. Als jedoch bei ihr Demenz diagnostiziert wird, entschliesst sich die alte Frau, ihre Lebensgeschichte mit eben jenem Bleistift, den sie von Meng erhalten hat, niederzuschreiben.   

Vielschichtig

In ihrem Debütroman verbindet Allison King Gegenwart und Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven. Besonders gelungen ist die Sichtweise der Grossmutter als Briefschreiberin. Es sind spannende und interessante Passagen, die von einer Zeit berichten, in der unterschiedliche Mächte die Geschicke Shanghais bestimmten. Das «International Settlement» war ein Viertel Shanghais, wo unterschiedliche Nationalitäten lebten. Dort war auch Monica Tsais Familie zu Hause. Während dieser unsicheren Zeiten waren Bespitzelung und Misstrauen an der Tagesordnung. Diese besondere Atmosphäre hat Allison King wunderbar eingefangen.

In der Gegenwart dominieren Themen der digitalen Welt die Geschichte. Dabei geht es um Datenschutz und die Frage, wie weit man im Umgang mit fremden Geschichten gehen darf. Wann wird es zum Übergriff und verletzt die Würde eines Menschen? Es sind aktuelle Themen, die die Autorin in ihrem Roman aufgreift.

«Archivierung ist schon seit einer Ewigkeit angesagt. Digitale Archivierung ebenfalls. Aber bei der Erinnerungsarbeit verfolgt man einen anderen Ansatz. […] Der Gedanke dahinter ist, dass die Erinnerungen einer einzigen Person niemals die ganze Quelle der Wahrheit sein können. Jeder interpretiert das, was um ihn herum vorgeht, aufgrund seiner eigenen Lebensumstände.»

Romantische Sequenzen beleben die teils sehr ernste Geschichte und ergänzen sie. Während Monica teils doch sehr naiv und weltabgewandt agiert, verdient ihre Grossmutter Respekt. Sie, die ihr Leben durch das Niederschreiben auf eine neue Weise betrachtet, berührt auf überraschende Weise.

Fazit

Der Roman «Die Manufaktur der magischen Worte» bedient mehrere Genres. Historisches vermischt sich mit Fiktion, Fantasy und Realem. Es ist eine Geschichte über Familienzusammenhalt und wie Erinnerungen die eigene Identität prägen. Und es ist auch die Geschichte einer Jahrzehnte überdauernden Verbundenheit und der Gabe, zu vergeben. Der Debütroman von Allison King überzeugt mit seiner Vielschichtigkeit. Offen bleibt die Frage, wie sehr wir unsere Geschichte der Welt schuldig sind.

Die Manufaktur der magischen Worte

Allison King, Heyne

Die Manufaktur der magischen Worte

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