Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Carola Krauße-Reim
901001

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2026

Aktuelles Mainstream-Thema gut umgesetzt.

Die 1970 in West-Berlin geborene Judith Hermann wurde durch ihr Debüt, den Erzählband „Sommerhaus später“, bekannt. Dieser und folgende Veröffentlichungen wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet. In „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ widmet sie sich einem Thema, das zurzeit sehr aktuell ist.

Hermann stellt sich der Vergangenheit

Judith Hermanns Großvater war als Mitglied der SS in Radom (Polen) stationiert. Das dortige Ghetto wurde auch durch sein Mittun errichtet und aufgelöst. Seine Tochter, Hermanns Mutter, kennt die Vergangenheit, die er nie verleugnet hat. Doch nach Details wurde nicht gefragt. Jetzt begibt sich Judith Hermann auf die Spuren des Großvaters und zieht für Monate nach Radom. Sie konfrontiert sich mit dem Ort, findet aber kaum Nachhall und erst als sie abreist, kann sie eine Verbindung zwischen dem Großvater und der Örtlichkeit herstellen. Von Radom fährt sie zu ihrer Schwester nach Neapel. Doch die Archäologin will nicht in der eigenen Vergangenheit graben. Wie auch die Mutter, die der suchenden Tochter Judith vorwirft zu „literalisieren“.

Noch eine Suche

Momentan scheint es fast unabdinglich, sich zumindest mit dem Gedanken beschäftigen zu müssen, was die Vorfahren im Dritten Reich getan oder nicht getan haben. Auch durch die Presse fast schon genötigt, belassen es Viele nicht bei dem Gedanken, sondern begeben sich auf den Weg in die Vergangenheit. So auch Autoren und Autorinnen, denn gefühlt gibt es zur Zeit eine Unmenge an Büchern, die sich mit genau dieser, eigentlich sehr persönlichen, Suche beschäftigen. Nun ist auch Judith Hermann auf diesen Zug aufgesprungen, doch auf ihre ganz eigene Art.

Aussparungen und Gedanken

In ihrem ganz eigenen Stil, erzählt Hermann von ihrer Konfrontation mit der Familienvergangenheit. Sie stößt an, erzählt von ihren Gedanken und Problemen. Doch sie lässt Vieles offen. Als sie endlich den Platz auf dem Foto ihres Großvaters in Radom findet, reist sie ab. Sie lässt Leerstellen, wo andere ins Volle gegangen wären. Sie weiß um die Anwesenheit des Großvaters in der Stadt, will aber Details gar nicht erfahren. Es geht ihr mehr um das Nachfühlen, als um das Wissen. Dieses Nachfühlen will sie mit der Mutter und vor allem der Schwester teilen, doch die wollen nicht. So drängt sich zwangsläufig die Frage auf, ob man die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen kann und die Leerstellen aushalten darf. Das ist das eigentliche Thema des Buches. Es macht „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ zu etwas ganz Besonderem, das zwar dem Mainstream entsprungen ist, sich aber auf so ganz andere Art dem Thema widmet.

Fazit

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ widmet sich einem aktuellen Thema, doch auf eine ganz eigene Weise. Judith Hermann ist ein sehr lesenswertes Buch gelungen, das unweigerlich nachdenklich macht.

Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Judith Hermann, S. Fischer

Ich möchte zurückgehen in der Zeit

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