Physik der Schwermut

Physik der Schwermut
Physik der Schwermut
Wertung wird geladen
Birgit von Domarus
801001

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2026

Melancholie, Empathie im Rückwärtsgang.

Die Gänge des von einem Baumeister namens Daidalos geschaffenen Labyrinthes für den Minotaurus sind ein Anfang für alle weiteren Worte in diesem Buch. Die Ausflüge in die griechische Mythologie, wonach Minos Frau sich von einem Stier begatten lässt in deren Folge ein Wesen entsteht, das mit einem menschlichen Körper und einem Stierkopf ausgestattet ist. Er wird in das Labyrinth bis zu seiner Ermordung eingesperrt. Gospodinov erzählt diese Geschichte nur beiläufig, er verstrickt sie in seine eigenen Empfindungen und erfahrenen Erlebnisse seiner Kindheit.

Das Alleingelassen sein als Kind in der Kellerwohnung, das traumatische Erlebnis seines Großvaters, der in den Hungerjahren des Weltkrieges in der Mühle vergessen wird, wirken bis heute nach.

Zurückgelassen, vergessen, nicht wieder zurückfinden aus dem Labyrinth des Lebens, diese Zustände wirken noch ein Leben lang. Wenn dazu noch eine fast krankhafte Empathie zu den meisten Lebewesen diagnostiziert wird, die für ihn sogar aus dem furchterregenden Minotaurus eine bemitleidenswerte Kreatur werden lässt, dann ist innerliches Chaos vorprogrammiert.

Gospodinov lässt den Leser dieses Chaos deutlich spüren und ich habe viel Durchhaltevermögen gebraucht, um darin eine Linie zu finden. Vielleicht hätte ich den Faden der Ariadne (um bei der Mythologie zu bleiben) gebraucht, um wieder herauszufinden. Dabei wechselt Gospodinov oft von der ersten zur dritten Person, vermutlich um im Perspektivwechsel tiefer gehende Gefühle distanzierter beschreiben zu können.

Der Vater zweier Söhne

Inmitten dieses Gedanken- und Gefühlschaos taucht die Geschichte des Großvaters auf, die sehr ergreifend und fast unglaublich erscheint. Die Wirren des 2. Weltkrieges haben in einer ungarischen Stadt einen schwerverwundeten Soldaten zurückgelassen, der von einer jungen Frau gerettet, im Keller versteckt und erst nach Jahren, nach Beendigung des Krieges, aus dem Kellerversteck herausgekommen ist und zu seiner Familie in Bulgarien gehen konnte. Die Rettung war nicht ohne Folge ...! Diese Geschichte ist einmalig schön, aber auch sehr traurig.

Ein Karton

In einem Karton werden Dinge gelegt, die eine Periode der Menschheitsgeschichte, bevorzugt in der Region Bulgarien, bezeugen sollen. So wie in den Behältern auf den Kirchtürmen alte Zeitungen die Vergangenheit aufleben lassen, so sollten diese Dinge von einem Leben erzählen, das nachkommenden Generationen die Augen öffnet. Es wird dabei von einer Apokalypse ausgegangen wobei der Karton erhalten bleibt. Diese Dinge sind lächerlich gewöhnlich, aber sie sollten das Gewöhnliche aufzeigen. Erinnerungen an Kindheit und Familie und der sozialistische Alltag in Bulgarien spielen dabei eine große Rolle. Immer wieder taucht auch der Minotaurus, der Keller, die Einsamkeit und eine übergroße Traurigkeit bzw. Melancholie in den Sätzen auf. Die Ursache für diese tiefen Empfindungen ist sicherlich auch durch die starke Empathie zu allem und jedem begründet.

Zwischen den Erinnerungen werden immer wieder kleine Geschichten erzählt, die für sich genommen noch ganz andere Bereiche aufschließen könnten, wie die Seitenarme des Labyrinths des Minotaurus. Es sind diese kleinen Geschichten, die den Text immer wieder auflockern und interessant erscheinen bzw. schmunzeln lassen. Aber es gibt auch Passagen, in denen sich mir die Gedankengänge von Gospodinov nicht erschlossen haben, auch wenn ich die Sätze mehrmals gelesen habe. Die Ausflüge in die Quantenphysik beispielsweise, oder die Bewegungen der Teilchen in Beziehung zur Literatur sind schwer einzuordnen.

Eine interessante Betrachtung ist die Rückreise in die Vergangenheit seines eigenen Lebens. Jeder Tag rückwärts bis zur eigenen Geburt, als könnte man eine doppelte Lebenszeit verbringen. Automatisch beschäftigt man sich mit seinem eigenen Leben als rückwärtiges Gedankenspiel. Auch schön, Notate zum Altern, Tod und dem Zeitempfinden sind lesenswert.

Fazit

Viele schöne Gedanken bevölkern dieses Buch, das vom Anfang bis zum Ende mit großer Traurigkeit und sehr viel Dunkelheit gefüllt ist. Die Sprache ist voller Poesie, oftmals mit erstaunlichen Wendungen und Sichtweisen. Ein Labyrinth der Einfälle und Seitengänge des Erkennens, aber auch des Humors.

Physik der Schwermut

Georgi Gospodinov, Aufbau

Physik der Schwermut

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Physik der Schwermut«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik