In den Augen der anderen

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Atria, 2010, Titel: 'House rules', Seiten: 532, Originalsprache
  • Köln: Lübbe Ehrenwirth, 2011, Seiten: 684, Übersetzt: Rainer Schumacher
  • Köln: Lübbe Audio, 11, Seiten: 6, Übersetzt: Nicolás & Maximilian Artajo , Bemerkung: gekürzt

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Rita Dell'Agnese
Gerechtigkeit contra Vorurteil

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2011

Jacob Hunt ist Autist. Er leidet am Asperger-Syndrom. Und er steht vor Gericht, weil er seine Therapeutin Jess erschlagen haben soll. Je länger der Prozess dauert, desto überzeugter ist die Staatsanwaltschaft, dass Jacob der Täter ist. Selbst Jacobs Mutter beginnt zu zweifeln. Denn ihr Sohn verhält sich seit Jess´ Tod so anders, als sie ihn kennt. Sein Anders sein ist beim Prozess denn auch Jacobs Problem. Weder das Gericht noch die Jury oder das Publikum können abschätzen, ob Jacob ihnen eiskalte Lügen auftischt oder sein Verhalten auf das Asperger-Syndrom zurück zu führen ist. Für den Verteidiger Oliver Bond bedeutet dies, einen Kampf für die Gerechtigkeit und gegen Vorurteile zu führen – ohne zu wissen, ob Jacob die Tat, deren er beschuldigt wird, nicht doch begangen hat.

Ein junger Mann leidet an einer Krankheit, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Zwar wissen alle, dass Jacob Autist ist. Aber den meisten fällt es schwer, den nüchternen jungen Mann als einen Menschen mit einer krankhaften Störung zu sehen und nicht als intelligenten, von der Kriminalistik besessenen Mörder. Jodi Picoult legt den Finger just auf diese Diskrepanz zwischen Empfinden und Wissen. Sie skizziert Jacob Hunt als hochintelligenten Menschen, dessen Leben allerdings durch das Asperger-Syndrom in sehr engen Bahnen laufen muss. Denn eine der Eigenheiten dieser autistischen Störung ist es, dass alles einen klar strukturierten Ablauf haben muss und sich die logischen Zusammenhänge in Jacobs Hirn nicht jedem erschließen.

Keine Mitleidshascherei

Die Autorin ist weit davon entfernt, Jacob als armen Kranken darzustellen, dem Unrecht getan wird. Sie tritt in ihrer Erzählung einen Schritt zurück und beleuchtet die Situation aus der Sicht einer sachlichen Beobachterin. Dass ihr dies gelingt, ist angesichts des Roman-Aufbaus eher verwunderlich. Denn erzählt wird die Geschichte durchaus nicht aus Sicht einer unbeteiligten Zuschauerin sondern aus der Ich-Perspektive der einzelnen Involvierten. Da ist einmal Jacob selber, der weiß, dass er unter dem Asperger-Syndrom leidet, jedoch nicht in der Lage ist, einzuschätzen, was dies für sein Umfeld bedeutet. Dann ist auch seine Mutter eine der Erzählerinnen. Geschickt lässt Jodi Picoult Emma schildern, was Asperger bedeutet und welche Konsequenzen sich für die ganze Familie daraus ergeben haben. Auch Jacobs jüngerer Bruder Theo gehört zu den Erzählern. Der Teenager macht keinen Hehl daraus, dass er unter der Störung seiner Bruders leidet und sich insbesondere von der Mutter zurückgesetzt fühlt. Nebst den drei – trotz allem eng verbundenen – Familienmitgliedern schlüpfen Anwalt Oliver Bond und Ermittler Rich Matson in die Rollen der Erzähler. So entsteht ein Kaleidoskop von Gefühlen, ohne dass die Autorin dabei den roten Faden aus dem Auge verlieren würde.

Wie weit muss sich die Gesellschaft anpassen?

Die Frage, wie weit einem Menschen mit einer autistischen Störung Recht gewährt werden kann und wo alleine der normale Ablauf eines Prozesses in den Alltag dieses Menschen in einer Form einbricht, die diesem von vorne herein die Chance darauf nehmen, sich auf die Ereignisse einzustellen und damit umzugehen, bleibt offen. Dadurch berührt Jodi Picoult einen heiklen Punkt: Wie weit muss sich die Gesellschaft einem Menschen mit Beeinträchtigung anpassen und wie weit kann sie dies überhaupt. Nicht einmal Jacobs Mutter Emma ist allen Situationen gewachsen. Obwohl sie ihren 18-jährigen Sohn sein ganzes Leben lang betreut hat, erlebt sie Situationen mit ihm, die sie an ihre eigenen Grenzen heran führen. Alleine durch die Kombination der verschiedenen Komponenten wirft Picoult Fragen auf, die sich kaum schlüssig beantworten lassen.

Gelungene Umsetzung

Bei der Gestaltung des Romans ist der Verlag möglichst nahe an die Persönlichkeit der einzelnen Erzähler heran gegangen. Die typographisch voneinander abgesetzten Kapitel lassen auf den ersten Blick erkennen, wer gerade als Erzähler figuriert. Dabei hat der Verlag Schriften gewählt, die gut lesbar sind und zum Charakter des jeweiligen Erzählers passen. Besonders Jacob mit seiner hohen Intelligenz kommt hier optisch gut zum Ausdruck.

In den Augen der Anderen ist ebenso ein gesellschaftskritischer Roman, wie ein Buch, das Grenzen sichtbar macht. Grenzen, die etwa dem Autisten gesetzt sind, wenn es darum geht, die eigenen Recht wahrzunehmen. Grenzen aber auch, an die alles "Normale" stößt, wenn es mit jemandem konfrontiert ist, der sich außerhalb dieses Rasters bewegt. Schließlich zeigt die Autorin auch die Grenzen auf, die Mutter und Bruder immer wieder überschreiten müssen, um Jacob ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Präsentiert wird dies in einer bestechenden Umsetzung, was den Aufbau des Romans betrifft, aber auch die sprachliche Umsetzung.

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