Zurückhaltung in der Sprache intensiviert die Wirkung.
Kristiane ist eindeutig ein Papa-Mädchen. Ihr Vater hat ihr von klein auf alles über das Lotsenamt beigebracht. Sie allein durfte mit ihm auf dem Boot mitfahren. Inzwischen ist ihr Vater verstorben und ihr Ehemann Anders hat das Amt übernommen. Als dieser bei einem Sturm auf dem Meer ums Leben kommt, bricht für Kristiane eine Welt zusammen.
Nur männliche Nachfolger sind möglich
Die Trauer zwingt Kristiane beinahe in die Knie. Doch kurz nach Anders Tod bemerkt sie, dass sie schwanger ist.
«Mit einem Mal war die Freude wieder da, nicht weil sie sich daran erinnerte, sondern weil das Gefühl tief aus ihrem Inneren kam.»
Seit Generationen wird das Lotsenamt nur an die männlichen Nachfahren weitergegeben. Als Witwe müsste sie die Lotsennummer ihres Vaters abgeben. Kristiane versucht deshalb, mit dem Aldermann eine Vereinbarung zu treffen, die ihr Aufschub gewähren würde, bis ihr Sohn alt genug ist, um das Amt zu übernehmen. Doch er will von ihrem Vorschlag nichts wissen, gewährt ihr dennoch einen Zeitraum, in dem sie einen neuen Ehemann finden muss.
«Das Gerücht, dass die Witwe in Kvalsvika heiraten müsse, um die Lotsennummer zu behalten, verbreitete sich in Windeseile: Eine so gute Partie war selten – eine Frau mit eigenem Hof und Boot.»
Für Kristiane kommt eigentlich nur Lars infrage, ihr Freund seit Kindertagen. Doch bei einem Verwandtenbesuch in Ålesund lernt sie Frederik Rønnestad kennen. Ein galanter und weltgewandter Mann, der sich in ihr Herz schleicht. Doch passt er auf den Lotsenhof?
Schlicht, aber intensiv
«Der Gesang der See» ist Trude Teiges erster Roman. Er ist bereits 2002 in Norwegen erschienen und wurde erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Im deutschsprachigen Raum hingegen wurde sie durch ihr Buch «Als Grossmutter im Regen tanzte» bekannt.
Kristianes Geschichte führt an die norwegische Küste im 19. Jahrhundert und erzählt vom harten Leben der Fischer und von ihren Traditionen. Die Frauen sind für Haus, Hof und die Kinder zuständig. Obwohl sie genauso hart arbeiten können, haben sie in der Männerwelt nichts zu suchen. So ist es auch für die Hauptfigur in Teiges Roman. Sie kennt die Arbeit eines Lotsen nur zu gut und würde nichts lieber tun. Deshalb kämpft sie verzweifelt um den Erhalt ihrer Lotsennummer, wird aber vom Leben ausgebremst. Von diesem Kampf und der Gratwanderung zwischen Tradition und eigenen Bedürfnissen erzählt die Autorin. Schlicht und eindringlich sind die Sätze. So schafft sie eine intensive Atmosphäre, die unter die Haut geht. Gerade auch, weil der Fokus fast ausschliesslich auf der Protagonistin liegt. Hier spürt man deutlich, dass Frauenthemen der Autorin am Herzen liegen. In ihren Büchern erzählt sie gerne von starken und mutigen Frauen, die ihr Leben meistern.
Fazit
Es ist eine besondere Intensität, die «Der Gesang der See» in sich trägt. Jeder Satz sitzt und erzählt zugleich eine eigene Geschichte. Ohne Ausschmückungen und Getöse. Das ist das Besondere an Trude Teiges Erzählungen. Das bedächtige Tempo verstärkt die Wirkung von Schicksalsschlägen und den Willen, weiterzumachen. Das offene Ende lässt vermuten, dass die Fortsetzung in deutscher Sprache nicht lange auf sich warten lässt.



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