In der Hoffnungslosigkeit können Bücher Medizin sein.
2014 findet der französischer Fotojournalist Julien Desmanges ein pittoreskes Motiv mitten in Gaza-Stadt: Vor seinem vollgestopften Buchladen, die Bücherstapel reichen bis auf die Straße, sitzt ein alter Mann und liest. Doch er erlaubt dem Fotografen das Foto nur, wenn er ihm seine Lebensgeschichte erzählen kann, denn „ein Foto ist keine Bagatelle. Ich kenne Sie nicht. Sie kennen mich nicht. Vielleicht ist es netter, wenn wir uns zunächst kennenlernen“. So beginnt die Freundschaft zwischen Julien und Nabil Al Jaber und der erzählt.
Ein eindringliches Buch
„Der Buchhändler von Gaza“ ist mit knapp 120 Seiten ein dünnes Buch. Doch der Inhalt ist eindringlich und intensiv. Nabil erzählt von der Nakba, als seine Familie aus ihrem Dorf vertrieben wurde und in einem völlig überfüllten, riesigen Flüchtlingslager landete. Inmitten von Staub, Hunger und Hoffnungslosigkeit kommt Nabil dort zur Welt. Auch sein weiteres Leben ist von Verlusten, von Gewalt und Entwurzlung geprägt.
Der in Marokko geborene Politologe und Islamhistoriker Rachid Benzine strickt daraus einen Roman, der nicht mehr loslässt. In der Du-Form erzählt, wirkt er sehr persönlich und spricht nicht nur Julien an, sondern auch den Leser. Dadurch erzählt das Geschilderte zwangsläufig einseitig, doch es macht keine Vorwürfe, sucht keine Lösung. Es ist einfach die Schilderung eines palästinensischen Lebens. Die Trost- und Aussichtslosigkeit ist allgegenwärtig und vergeht auch nicht, denn die Lebenssituation ist gleichbleibend hoffnungslos und immer öfter auch durch plötzliche Gewalt geprägt. Schon der Beginn des Buches lässt auf den Alltag in Gaza schließen: „Ein gewöhnlicher Tag. Gestern haben zwei Einschläge vier Jungs am Strand getötet, deren einziges Verbrechen darin bestand, dort Fußball zu spielen“.
Bücher als Stütze im Leben
Schon Nabils älterer Bruder hat wie besessen gelesen und diese Liebe an ihn weitergegeben. Anders als seinem Bruder, hat die Bildung Nabil ein Studium ermöglicht. Doch zurück in Gaza hat ihn der palästinensische Alltag schnell eingeholt. Bücher waren seitdem nicht nur Lesestoff oder ein Mittel aus Gaza herauszukommen, sondern vor allem eine Stütze im Leben. Sie bauen Nabil auf, wenn einmal mehr Gewalt seine Familie bedroht, sie ermöglichen ihm Anderen in ihren Situationen zu helfen, geben Trost, lassen mit ihren Weisheiten Lösungen zu und erlauben die Flucht aus dem Elend zwischen zerstörten Gebäuden.
Benzine beschreibt diese Liebe zu Büchern so traurig schön, dass man glaubt neben Nabil zu sitzen, Tee aus angeschlagenen Tassen zu trinken und ihm zuzuhören. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Doch was man imaginiert ist nicht unbedingt schön: Gaza ist teilweise völlig zerstört, die Menschen versuchen sich einfach nur am Leben zu erhalten - geistig und körperlich. Julien hält auch nach seiner Abreise Kontakt zu Nabil und seinem Freund Hafez bis am 7.10.2025 der Kontakt für immer abbricht.
Fazit
Ein dünnes aber sehr intensives Buch, das ein palästinensisches Leben schildert. Raschid Benzine erzählt zwangsläufig einseitig, aber nie wertend. „Der Buchhändler von Gaza“ ist ergreifender Lesestoff für alle, die sich für den Nahost-Konflikt interessieren oder einfach an die Macht von Büchern glauben.



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