Eine unglaubliche Welt mit unglaublichen Geschichten.
Wer die Autorin Joanna Bator kennt, rechnet damit, in mehrfacher Hinsicht überrascht zu werden. Das trifft auch auf dieses Buch zu. Es ist eine Ansammlung von mehreren Geschichten, die scheinbar zusammenhangslos aneinandergereiht sind. Nach der dritten Erzählung bemerkte ich, wie die Menschen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven auftauchen, um entweder gar nicht oder nochmals unter einem anderen Blickwinkel vorzukommen. Ich habe noch nie so viel rückwärts geblättert wie in diesem Buch.
Eine Auswahl an Wunderlichkeiten
Eine Bärin ist aus dem Zoo in Bern ausgebrochen, die Stadt ist in Aufruhr, nur Marianna Polna begibt sich, ungeachtet der Gefahr, aus der Stadt in waldreiche Umgebung. Da ihre beginnende Demenz zunehmend ihre Identität zerstört, beschliesst sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Um sich zu vergewissern, wer sie ist und woher sie kommt, stellt sie sich gleich zu Beginn vor. Diese Vorstellung ist hilfreich für den weiteren Verlauf des Geschichtenreigens, aber das habe ich erst später richtig erfassen können. Sie trifft auf die Bärin und es wird offengelassen, wie sie stirbt. Das Marianna und ihr Vater die Schlüsselfiguren bilden, wird erst in den folgenden Erzählungen klar.
Eine Person, die nicht mehr vorkommt, ist eine Mutter mit einem schwerbehinderten Kind, die, selbst auch schwer krank, am Ende auf einer Waldlichtung stirbt. Vorher jagt sie uns Leser quer durch Warschau auf der Suche nach einer Wohnung bzw. Haus/Villa. Sowohl die Suche als auch ihre Gedanken während der Suche sind wahnhafte Halluzinationen von einem Leben mit viel Geld, gesellschaftlichem Status und Anspruch. Zuerst kann man ihr noch folgen, aber es wird immer abstruser. Es ist beeindruckend, wie die Autorin solange die Vision einer Wirklichkeit aufrechterhalten kann, bis einem klar wird, in welchem geistigen Zustand diese Frau ist. Das behinderte Kind wird von einer jungen Frau betreut, die gleichzeitig die Schwester von einem verlorenen Tagelöhner namens Piotre ist. Tatus, die polnische Bezeichnung für Papa, ist der Vater der Beiden, der zu Weihnachten immer einen Karpfen besorgt und plötzlich verschwindet.
Piotre wiederum ist Protagonist einer Erzählung, bei der wir Leser in ein leerstehendes Hotel geführt werden. Dort ist eine Etage mit einem Sammelsurium der skurrilsten Gestalten bewohnt, deren Bekanntschaft wir zum Teil in anderen Kapiteln gemacht haben. Sie sind alle irgendwie gesellschaftlich verloren, aber sie leben wie zum Trotz innerhalb ihrer Etage; nur wenige dürfen rausgehen und den Kontakt mit der Aussenwelt halten. Diese Auserwählten sind aber nicht weniger gefangen in ihrer geistigen Welt als die übrigen Bewohner.
Die Wunderlichkeiten ergründen
Eine furchtbar aussehende alte Frau, die mit ihrem Blut Kinder erkranken lässt, eine englischsprechende Schildkröte, die gerne Mangos und Römersalat isst, ein Ehemann, der im Urlaub nicht mehr in die Ferienunterkunft zurückkehrt, eine Schriftstellerin, die ein Haus hütet und schwer erkrankt, kleine Kinder beobachtet, die ständig wieder verschwinden, … es ist unmöglich, alle abstrusen Vorfälle zu erwähnen, die uns die Autorin vor uns ausbreitet. Der Spass beim Lesen kommt, wenn die Personen und Ereignisse, die in den 16 Erzählungen erscheinen, wie in einem Puzzle zusammengesetzt werden müssen. Daher das anfangs erwähnte rückwärts Blättern.
Joanna Bator schafft es in diesem Spannungsfeld von verworrenen, teilweise surrealen Vorgängen, zurück zum wahrhaftigen Leben zu finden. So wird dem Leser in vielen Situationen die Möglichkeit gegeben, sich zu spiegeln bzw. zu glauben, schon mal ähnlich empfunden zu haben. Es sind nicht nur die Protagonisten, deren Verflechtungen ergründet werden müssen, es sind auch die Details, deren Bedeutung einem erst später bewusst werden.
Die elegante Marianna Polna, zum Beispiel, verabschiedet sich, um nach Bern zu reisen, als elegant gekleidete wunderbare Frau. Aber unter ihrer seidenen Hose schauen zwei verschiedene Strümpfe heraus, die auf ihre Demenz hinweisen, die aber an dieser Stelle nicht erwähnt wird. Aber der aufmerksame Leser erinnert sich an die erste Erzählung und so wird klar, wie alles zusammenhängt. Es sind diese Details, die die Freude am Lesen bringen und mit jedem entdeckten Teil wird es interessanter und spannender.
Die Sprache der Joanna Bator ist so klar wie brutal in ihrer Auswirkung, Sie verliert sich nicht in atmosphärischen Zustandsbeschreibungen - aber trotzdem detailreich und mit genug Vorstellungskraft hat man die Bilder vor Augen. Die Erzählungen haben nie ein wirkliches Ende, manchmal erfährt der Leser das Ende in einer anderen Geschichte oder die eigene Phantasie setzt hier einen Schlusspunkt. Deshalb ist das Buch nicht für Schnellleser und Überflieger geeignet, die wunderbare Sprache und die geheimnisvollen Beziehungen der Protagonisten können nur aufmerksam genossen werden. Wir befinden uns mit diesem Buch in der Gourmet Küche der Literatur!
Fazit
Eine surreale Welt voller Geheimnisse, trotzdem wahrhaftig schön



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